Morgenlandreise 1

Einstieg

Seit Kindesbeinen hatte ich einen sehnlichen Wunsch, nämlich, mir von Ort zu Ort die weite Welt zu erwandern. Meine Lieblingsvorstellung kreiste darum, ein Pferd zu besitzen, auf dessen Rücken mir die Welt zu Füßen läge. Von Kirchturm zu Kirchturm wollte ich reitend die Welt erkunden. Ein Pferd, ein schönes großes glänzendes Tier, das mich von Abenteuer zu Abenteuer trüge. Pferde empfand ich seit meinen frühen Kindertagen als die schönsten Tiere, als die vollendetsten Geschöpfe überhaupt. Ihr glänzendes Fell, ihr Geruch, ihre Größe, ihre Bewegung zwischen Kraft und Anmut, alles das floß zusammen in ein unwiderstehliches sinnliches Gefühl.

Noch heute würde ich mich gern auf ein braves Pferd setzen und losreiten. Von Stall zu Stall, von Bauernhof zu Bauernhof, von Weide zu Weide, von Scheune zu Scheune, mit soviel Geld dabei, meinem Pferd und mir stets Unterkunft und Verpflegung zu besorgen, einem Schlafsack, einem Bündel hinter dem Sattel, worin das Nötigste Platz hat, mehr bräuchte ich nicht.

41 Jahre mußte ich alt werden, als ich mich an meinen Weltenbummeltraum wagte. Und, etwas umsichtiger als in Jugendjahren, hatte ich mir einen Reisekumpan ausgeschaut. Wie die Dinge lagen, war das kein Pferd, sondern ein Freund, der ein wenig ähnlich übers Reisen dachte wie ich. Aber er war unentschlossen, er zögerte, er sagte, laß uns noch ein Jahr warten, ich muß noch mehr Geld zusammenkriegen und was derlei aufschiebende Gründe mehr sind.


Persische Wandfliese (17. Jahrhundert)

Warten wollte ich nicht, gewartet hatte ich lange genug. So trat ich meine Reise allein an. Spätestens seit den Tagen in Schiraz war ich nie mehr ganz allein, oft hatte ich mehr Begleitung als mir lieb war.

Meine Reiseroute, die ich mir 1977 steckte, entsprang der einfachen Vorstellung, vom Westen in den Osten zu gelangen: durch den Balkan, durch die Türkei, durch Iran, Pakistan, Afghanistan, Indien, dann möglicherweise bis nach Ceylon hinunter, anschließend mit dem Schiff nach Japan. Mein entferntes Ziel war also Japan. In einem Zenkloster in Kioto wollte ich einige Wochen als Gast eines Mönchs verbringen, danach zurückfliegen. Mit diesem Möch der Rinzaisekte war ich 9 Monate lang 1972 beisammen, während meiner Zeit im Team bei Karlfried Graf Dürckheim im Schwarzwald. Hansan und ich wohnten Tür an Tür, ich war sein Schüler in Sumie, der japanischen Tuschemalerei, und in Kalligraphie.

Nun, wenn es auch kein Pferd war, das mich in die Welt bringen sollte, so wollte ich bestimmt kein Flugzeug benützen. Die Annäherung an meine Orte und Länder sollte so langsam vonstatten gehn, wie nur eben möglich. Deshalb habe ich auf der Strecke Busse stets Eisenbahnen vorgezogen. Sie sind billiger, sie sind das Verkehrsmittel der einfachen Leute, sie sind näher am Leben angesiedelt, wenn auch manchmal recht gefahrvoll, wie mir unterwegs oft bewußt wurde, aber sie lassen einen mehr sehn.

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