Johann Gottfried Seumes Spaziergang nach Syrakus

Seume 1

Gemälde von Schnorr von Carolsfeld 1798

J. G. Seume (1763 – 1810), Sohn eines Landwirts und einer Bauerntochter, war einer der scharfsinnigsten und integersten Beobachter des ausgehenden 18. und angehenden 19. Jahrhunderts. Er hatte sich umfassend gebildet, und als er im Dezember 1801 seinen Spaziergang nach Syrakus antrat, trug er in seinem Rucksack als einzigem Reisegepäck mehr Bücher als Wäsche mit sich: Theokritos, Homer, Tacitus, Sueton, Vergil u. a. An seinen Füßen hatte er Stiefel, die er sich, sobald er sie durchgelaufen hatte, beim nächstbesten Schuster besohlen ließ.

Seume 2

So sehr ich Goethes Italienische Reise schätze, die Reisebeschreibung Seumes liebe ich. Er hat den untrüglichen Blick für die Menschen, die Städte, die Landschaften, denen er begegnet. Er reist nicht in einer Kutsche wie Goethe, höchstens sitzt er manchmal hinten auf einem Bauernkarren. Seinen Rucksack hat er stets aufgebunden, nachts hat er ihn unterm Kopf. Denn er begegnet auch Räubern und schlitzohrigen Wirten. Spätestens in Neapel wird ihm klar, nicht weiter über Land zu wollen, denn damals ist Kalabrien schon voller menschenräuberischer Banden. Man darf sie sich als die Urfamilien der heutigen Mafia vorstellen, der ´Ndrangetha.

Seume 3

Seume nahm, um heil nach Palermo zu kommen, einen Segelschoner.

Die Gerechtigkeit ist die erste große göttliche Kardinaltugend, welche die Menschheit weiterbringen kann. Wenn du Gerechtigkeit in Gesetzen suchst, irrest du sehr; die Gesetze sollen aus der Gerechtigkeit hervorgehen, sind aber oft der Gegensatz derselben. Du kannst hier, wie in manchen unserer Institute, schließen: je mehr Gesetze, desto weniger Gerechtigkeit; je mehr Theologie, desto weniger Religion; je längere Predigten, desto weniger vernünftige Moral. Mit unserer bürgerlichen Gerechtigkeit geht es noch so ziemlich, denn die Gewalthaber begreifen wohl, daß sie sich ohne dieselben auflösen: aber desto schlimmer sieht es mit der öffentlichen aus; und mich deucht, wir werden noch einige platonische Jahre warten müssen, ehe es sich damit in der Tat ändern mag. Dazu ist die Erziehung des Menschengeschlechts noch zu wenig gemacht, und diejenigen, die sie machen sollen, haben zu viel Interesse sie nicht zu machen, oder sie verkehrt zu machen. Sobald Gerechtigkeit sein wird, wird Friede sein und Glück: sie ist die einzige Tugend, die uns fehlt. Wir haben Billigkeit, Großmut, Menschenliebe, Gnade und Erbarmung genug im Einzelnen, bloß weil wir im Allgemeinen keine Gerechtigkeit haben. Die Gnade verderbt alles, im Staate und in der Kirche. Wir wollen keine Gnade, wir wollen Gerechtigkeit.

So sind die Gedanken Seumes. Und wenn wir für Gnade das Wort Wohltaten einsetzen, Wohltaten, die viele Menschen auf der Stufe des Existenzminimums halten, wissen wir, was er vor 200 Jahren prophetisch gedacht hat.

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