Geschichte einer Mietnomadin 8. Kapitel

Es nicht möglich, das Geschirr in dieser kurzen Zeit, die uns bleibt, zu waschen. Nora entsorgt es, obwohl einige wertvolle Stücke darunter sind. Manches darunter ist auch beschädigt, etwa die Teflonpfanne, die völlig verkratzt ist. Die Oberflächen der Küchenmöbel kleben vor Schmutz, die Spüle hat einen eingetrockneten Belag. Wir können uns keine Putzmittel besorgenn, es ist Sonntag. Nora schlage ich vor, die Stühle, den alten schönen Schrank, in dessen Vorderseite Tanja Kanis einen Nagel geschlagen hat, den Küchentisch und noch andere Kleinigkeiten von einer Umzugsfirma nach München transportieren zu lassen. Nora hat Skrupel, weil sie ihren Eltern zu viele Kosten aufbürdet. Sie hatte mir nebenbei gestanden, ihre Wohnung in München ist sehr spärlich eingerichtet, weil sie von ihrem kleinen Gehalt als Bühnenbildassistentin im teuren München kaum etwas anschaffen kann. Ich mache ihr klar, ein Umzug käme billiger, als wenn sie sich völlig neu einrichtet. Nora ist nach ihrem abgeschlossenen Architekturstudium von Architekturbüros schamlos ausgenutzt worden und auch das Residenztheater in München behandelt sie fast wie eine Sklavin. Wie geht die Gesellschaft mit uns jungen Leuten um, ist ihre ständige Frage. Aber das ist heute nicht unser Problem. Überzeuge Nora, die Sachen nach München transportieren zu lassen. Um nicht ganz zu verzweifeln, wage ich den Spruch: Probleme, die mit Geld zu lösen sind, sind keine Katastrophe. Also bauen wir den Schrank für den Umzug auseinander und … bereiten uns zwei weitere Schrecken. Oben auf dem Schrank befindet sich Noras großer Wandspiegel, in zwei Teile zerbrochen, unter dem Schrank entdecken wir eine niedrige aber geräumige Schachtel, in der sich eine Unzahl von Zigarettenkippen und anderer Müll befinden. Um 15.30 Uhr bringe ich Nora zum Hauptbahnhof, denn sie hat am nächsten Tag in München sehr früh Dienst. Mit dem restlichen Müll belade ich meinen Wagen.

Montag, 15. Dezember 2008

Ich rufe verschiedene Firmen an: Malerbetriebe, Putzfirmen, Transportunternehmen, deren Adressen ich mir bereits in F. besorgt hatte. Alle verlangen verständlicherweise Termine, um die Situation vor Ort beurteilen zu können. Wenn ich alle Termine wahrnehme, muß ich noch mindestens eine Woche in Berlin bleiben, außerdem erscheinen mir die finanziellen Angebote sehr abenteuerlich. Um 11 Uhr kommt der Vertreter der Hausverwaltung. Er ist sehr umgänglich und bereit, uns so weit wie möglich zu helfen. Jetzt macht sich Noras korrektes Verhalten bezahlt. Er vermittelt einen kleinen Malerbetrieb, dessen Chef sofort kommt. Er wird die Wohnung nicht nur neu streichen, sondern auch das Putzteam organisieren und die sperrigen Gegenstände, die nicht in mein Auto passen, entsorgen: die Matratzen, die sich gründlich reinigen ließen, aber Nora möchte mit diesen Matratzen nichts mehr zu tun haben. Ebenso den Transport der Möbel und später des Klaviers wird dieser Malermeister übernehmen. Da sehe ich mich von der Last befreit, einzelne Firmen für die verschiednen Aufträge zu suchen.

Mit meinem bis zur Decke mit Müll beladenen PKW fahre ich zum Recyclinghof in Pankow, suche danach die Essener Straße 7, den neuen Aufenthaltsort von Tanja Kanis, um diese nochmals zur Rede zu stellen. Aber ich finde das Haus mit der Nummer 7 nicht. Mein in Berlin wohnender Studienkamerad Heribert teilt mir später mit, der Zugang zum Haus Nr.7 liege an einer anderen Straße.

Gegen Abend kommt der Malermeister, der die Instandsetzung der Wohnung übernimmt und setzt einen handschriftlichen Vertrag auf. Schreibmaschine oder Computer finden sich ja nicht in der nahezu leergeräumten Wohnung.

Am späten Abend gehe ich wieder einmal zum Polizeirvier/15/Prenzlauerberg, um eine Anzeige wegen Mietbetrugs aufzugeben. Der Beamte, der die Anzeige aufnimmt, ist wie seine Kollegen hilfsbereit und ausgesprochen interessiert an dem Fall. Er forscht ebenso wie sein Kollege vor 14 Tagen im Internet nach, äußert sich aber nicht zu dem, was er dort erfährt. Seine Mimik aber verrät sein großes Erstaunen über das, was er über eine 19jährige Frau liest.

E. B. - Mietnomadin 8

Skizze, entstanden beim Warten im Polizeirevier15/Berlin am 15. 12. 2008

Fortsetzung folgt.

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Ein Kommentar zu Geschichte einer Mietnomadin 8. Kapitel

  1. Rolf Hannes sagt:

    Zwei Einfälle zum heutigen Artikel muß ich loswerden. Der erste Einfall kam beim Betrachten der Christbaumspitze. Wo ist der Polizist, dachte ich mir, der seinen trotteligen Kollegen eine solche Spitze (allerdings eher aus einer eisernen Pickelhaube) in ihre sanft schnarchenden Hintern sticht?

    Der zweite Einfall ist von größerer Bedeutung. In dieser Geschichte stehen sich zwei junge Frauen gegenüber: Tanja Kanis und Nora B., beide aus der gleichen Generation.

    Tanja Kanis: Unerzogen, verwildert, ungebildet, aber bis zur Vollkommenheit gerissen, nimmt sich das Recht heraus, sich zu nehmen, was ihr gefällt (wenn‘s die jeweilige Situation hergibt). Sie beutet ihre Umgebung aus, sie saut herunter, was pfleglicher Behandlung bedürfte. Sie verscherbelt ein Klavier, das ihr nicht gehört. Ich möchte, wenn ich könnte, gar nicht alle ihre kriminellen Schandtaten aufzählen.

    Nora B.: Behütet in bürgerlicher Familie groß geworden, fleißig, gebildet, aufrichtig, bemüht, in ihrem Leben und Handeln ihr Bestes zu geben.

    Und nun kommt das Brennende, das Überraschende, das, was unsre politische und handeltreibende Führung sich hinter die Ohren schreiben sollte, das, was den Antagonismus, ich meine, die Gegensätzlichkeit der beiden Frauen auf den Kopf zu stellen scheint. Nora sagt: Wie geht die Gesellschaft mit uns jungen Leuten um? (Sie wurde in Architekturbüros schamlos ausgenutzt, das Residenztheater in München behandelt sie fast wie eine Sklavin.) Von Tanja wissen wir einen solchen Satz nicht. Vielleicht ist in ihr ein ähnlicher Gedanke umgegangen, bevor sie sich aufmachte, die Räuberin zu werden, die sich schamlos nimmt.

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