Geschichte einer Mietnomadin 4. Kapitel

Im Beisein von mir und Tanja Kanis läuten die Beamten bei Frau Prüstel, in deren Wohnung das Klavier steht. Sie erkundigen sich, ob sie das Klavier gekauft habe. Frau Prüstel bestätigt dies. Wie viel sie gezahlt habe. 200 €, kommt sofort die Antwort. Ob es einen schriftlichen Kaufvertrag gebe, Frau Prüstel verneint. Die Polizisten belehren sie über den strafrechtlichen Sachverhalt. Sie dürfe das Klavier nicht veräußern, es müsse in ihrer Wohnung bleiben, bis der zivilrechtliche Vorgang abgeschlossen sei. Sie könne ihr Geld zurückfordern von Frau Kanis oder mir. Das sei aber keine Sache der Polizei. Tanja Kanis versichert Frau Prüstel, sie werde ihr die 200 € wieder zurückzahlen.

E. B. - Mietnomadin 4

Grafik: Elisabeth Endres

Wir gehen nun in die dritte Etage, wo sich die Wohnung von Nora befindet und führen das Gespräch auf dem Gang weiter. Zunächst werde ich belehrt, ich hätte mit dem Eindringen in die Wohnung eine Straftat begangen. Die Polizisten legen Frau Kanis nahe, gegen mich Strafanzeige zu stellen. Ich weise auf das Gespräch am Donnerstag mit dem Kollegen auf dem Revier hin. Die Beamten nehmen mir meine Beteuerungen nicht ab. Ihr Kollege hätte mich sicherlich vor dem Eindringen in die Wohnung gewarnt. In eine Wohnung einzudringen, das sei ungesetzlich. Eine andere Auskunft dürfe ein Polizeibeamter nicht geben. Die Entwicklung des Gesprächs läuft eindeutig gegen mich. Zu meinem Vorwurf des Diebstahls behauptet Tanja Kanis, Nora habe ihr gesagt, sie könne über das Klavier verfügen, wie sie wolle, sie hätte ohnehin kein Interesse mehr daran. Da ich auf dem Rückweg vom Hauptbahnhof war, als mich der Anruf von Frau Kanis erreichte, habe ich die Unterlagen nicht dabei: die Vollmacht, die mir meine Tochter schriftlich gegeben hat, in der Angelegenheit der Wohnung tätig zu werden, und den Untermietvertrag. Die Polizisten glauben der Untermieterin und erklären mir, dies sei kein Diebstahl, wenn meine Tochter usw. Selbst der Hinweis, das Klavier gehöre gar nicht meiner Tochter, sondern sei ein Erbstück meiner Frau, nützt nichts. Da morgen die Wohnungsübergabe stattfinden soll, müsste doch Frau Kanis ihr Vertragsexemplar haben, insistiere ich. Sie erklärt ohne Zögern, sie habe es verlegt und könne es nicht finden. Als die Beamten absurderweise immer noch mehr der Untrermieterin zu glauben scheinen, als mir, bitte ich sie, sich bei ihrer Dienststelle über meine Anzeige zu informieren, zudem sei Frau Kanis zur Fahndung ausgeschrieben. Alle diese Informationen könnten sie dort abrufen. Die Beamten sehen jedoch keinen Anlass, sich bei ihrer Dienststelle zu informieren. Nun bestehe ich darauf, meine Tochter anzurufen, damit die Beamten auch ihre Meinung erfahren. Nora ist auf dem Handy nicht erreichbar, vermutlich hat sie im Theater in München Abenddienst. Ich versuche, meine Frau anzurufen, um sie zu fragen, wo Nora zu erreichen ist. Meine Frau ist nicht zuhause. Ich rufe meine Tochter Anne in Stuttgart an, die glücklicherweise ans Telefon kommt. Sie weiß Noras Aufenthalt, die sich sofort bei mir meldet. Ich erkläre ihr die Situation und gebe das Handy an einen der Polizisten weiter. Nach dem Gespräch fordert nun auch einer der Beamten von Frau Kanis die Vorlage des Untermietvertrags und bittet seinen Kollegen, in der Dienststelle anzurufen. Sonja Kanis rückt endlich den Vertrag heraus. Dort steht im Formular vorgedruckt: “Mitvermietete Einrichtungsgegenstände sind sachgerecht zu behandeln und zu pflegen.“ Handschriftlich: „Ausstattung der Mieträume, WZim: 1 Bett, 1 Schrank, 3 Stühle, 1 Klavier. Küche: 1 Elektroherd, 1 Kühlschrank, ein Tisch. Bei Schäden in und an der Wohnung/Haus haftet der Untermieter.“

Der andere Beamte führt mehrere Telefonate. Das Gespräch nimmt nun einen völlig anderen Verlauf. Tanja Kanis verspricht, mit ihren Freunden, wie es nie anders vorgesehen, die Wände noch in der Nacht zu streichen, die Wohnung zu räumen, zu putzen und mir morgen die noch ausstehende Mietschuld bar zu begleichen. Sie versichert den Beamten, sich kommenden Montag beim Einwohnermeldeamt in ihrer neuen Wohnung anzumelden. Die Beamten raten mir, mich sofort beim Revier zu melden, falls es Schwierigkeiten bei der morgigen Wohnungsübergabe geben sollte. Dann – für mich völlig überraschend – beschwört einer der Polizisten Tanja Kanis, ihr Leben zu ändern. Sie sei erst 19 Jahre alt und habe das Leben noch vor sich. Wenn sie so weiter mache, lande sie im Frauenknast. Er sei Aufseher in einem solchen Gefängnis gewesen, und sie könne sich nicht vorstellen, wie brutal es dort zugehe. Die Polizei muss schon einige schwerwiegende Informationen erfahren haben. Doch was soll diese pädagogische Predigt?! Mir wäre es lieber, die Polizisten nähmen die Beschuldigte mit aufs Revier. Sie gibt sich ganz reumütig. Am nächsten Tag sollte es wieder ganz anders aussehen.

Fortsetzung folgt.

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