Gedanken über die Phantastik alter Festungsbauten 3. Folge

»In der Praxis der Kriegsführung allerdings hätten auch die Sternfestungen, die im Lauf des 18. Jahrhunderts überall gebaut und vervollkommnet wurden, ihren Zweck nicht erfüllt, denn fixiert, wie man auf dieses Schema war, habe man außer acht gelassen, dass die größten Festungen naturgemäß auch die größte Feindesmacht anziehen, dass man sich, in eben dem Maß, in dem man sich verschanzt, tiefer und tiefer in die Defensive begibt und daher letztendlich gezwungen sein konnte, hilflos von einem mit allen Mitteln befestigten Platz aus mit ansehen zu müssen, wie die gegnerischen Truppen, indem sie anderwärts ein von ihnen gewähltes Terrain auftaten, die zu regelrechten Waffenarsenalen gemachten, vor Kanonenrohren starrenden und mit Mannschaften überbesetzten Festungen einfach seitab liegenließen. Wiederholt sei es darum vorgekommen, dass man sich gerade durch das Ergreifen von Befestigungsmaßnahmen, die ja, sagte Austerlitz, grundsätzlich geprägt seien von einer Tendenz zu paranoider Elaboration, die entscheidende, dem Feind Tür und Tor öffnende Blöße gegeben habe, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass mit den immer komplizierter werdenden Bauplänen auch die Zeit ihrer Realisierung und somit die Wahrscheinlichkeit zunahm, dass die Festungen bereits bei ihrer Fertigstellung, wenn nicht schon zuvor, überholt waren durch die inzwischen erfolgte Weiterentwicklung der Artillerie und der strategischen Konzepte, die der wachsenden Einsicht Rechnung trugen, dass alles sich in der Bewegung entschied und nicht im Stillstand.« (W.G.Sebald)

Das Konzept des Stillstands prägte noch den Ersten Weltkrieg. Armeen trafen und prallten aufeinander, in Lothringen kam man bei Materialschlachten meterweise nur vorwärts und verlor Tausende, ja Hunderttausende Soldaten beim Kampf um öde Hügel. Die Technisierung und Motorisierung des Kriegs führte dann zu schnellen Bewegungen, der Kampf aus der Luft kam hinzu, und im Zweiten Weltkrieg waren die Millionen Toten in der Hauptsache Zivilisten. Doch die ganze Gesellschaft war in den 1920er Jahren expressiv und erotisch geworden, ausgreifend und aggressiv, wollte die Enge sprengen, und im Begriff »Volk ohne Raum« und Hitlers Eroberungskrieg war dieser Gedanke völlig wahnhaft geworden.

Manfred Poser - Grabenring Breisach 6

Verwildeter Grabenring in Neuf-Brisach, Foto: Manfred Poser

Zweihundert Jahre vorher beobachten wir eine ähnliche Konstellation, und die Jahre stimmen auch in etwa überein: 1715 starb der Sonnenkönig nach über 70 Jahren Regentschaft (das Volk jubelte), dann aber hängte Ludwig XV. noch einmal 60 Jahre Absolutismus an, und obgleich es halbwegs Wohlstand in Frankreich gab, fehlte doch die Freiheit. Ludwig XV. verbot die Parlamente, und 1789 brach dann die Revolution aus, alle Dämme barsten; fast alle, denn die Mauern von Neuf-Brisach blieben stehen, sie störten keinen, sie bedeuteten nichts mehr.

Ende

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.