Eine Lebensgeschichte 4. Folge

Seit meiner Pubertät hatte sich das Verhältnis zu meiner Mutter sehr verschlechtert. Hier, weit weg von Basel, erstmals in einer fremden Stadt, wollte ich alle meine Gedanken an mein Zuhause verdrängen, aber das ungute Gefühl ließ das nicht zu. Ohne ausführliche Erklärungen sagte ich zu Ueli: Ich kehre nach Basel zurück. Er war sofort einverstanden. Er verstand mich instinktiv. Es war für ihn kein Problem alleine weiterzuziehen. Er war wie ich ein Einzelgänger, und später, als wir uns in Basel wieder getroffen haben, erzählte er mir von seiner allein unternommenen Reise nach Südfrankreich viel Erfreuliches.

Wieder zurück nach Genf, wo ich erfuhr, die Jugendherberge liege weit außerhalb Genfs und sei stets ausgebucht. Auch die Hotels waren alle ausgebucht, da am Wochenende ein Winzerfest stattfände. In meiner Not erbettelte ich mir in einem kleinen Hotel von der Chefin folgendes Angebot. Sie habe eine Abstellkammer, die könnte ich für 10 Franken zum Übernachten benützen. Dieser Raum habe aber zwei Nachteile, erstens hat er kein Fenster, und zweitens grenzt er an eine Backstube. Gegen Morgen wird es darin sehr warm werden.

Diese kurze Reise hatte mir bereits zwei Erfahrungen gebracht. Wo und wie trampe ich, wo und wie stelle ich ein Zelt auf. Und: besser in einer Abstellkammer übernachten, als draußen unter die Stadtstreicher zu geraten.

Früh morgens, es mag 5 Uhr gewesen sein, wurde es in meiner Abstellkammer höllisch heiß und stickig. Was aber noch viel schlimmer war, ich hatte plötzlich ein Gefühl im Rücken, da stimme etwas unter mir auf dem Boden nicht. Es war stockfinster um mich herum, ich kramte meine Taschenlampe aus dem Gepäck, und als ich sie anknipste, kriegte ich einen gehörigen Schrecken. Um mich herum krabbelten Tausende von Silberfischchen. Ich raffte mein Gepäck zusammen und war bald, ungefrühstückt, an der frischen Luft. Bis Basel bin ich keinen Schritt mehr gelaufen, am frühen Freitag nachmittag war ich daheim.

Meine Mutter schlief fest, und in dem Augenblick, als ich neben ihrem Bett stand, wurde mir bewußt, wie sehr bei allen Gedanken um Mutter und Vater, mich die Gedanken um mein Druckatelier beschäftigten. Wohl und Wehe meiner Werkstatt standen mir näher als alles was zuhause geschah. Sie war mir mein liebstes Zuhause, und nach dort machte ich mich stracks auf den Weg. Nirgends, so wurde mir bewußt, fühlte ich mich wohler als dort.

Abends, bei meinem Heimkommen lag meine Mutter immer noch im Bett, apathisch. Sie sagte nur einen einzigen Satz: Bist du schon zurück? Sie meinte, von meiner Reise zurück.


Zeichnung: Kurt Meier

Samstag und Sonntag verbrachte ich wie immer in meinem Druckatelier, denn am Montag mußte ich als Lehrling zur Stelle sein.

Mitten in der Nacht auf Montag wurde ich wach durch lautes Gerede meiner Mutter. Sie brabbelte unaufhörlich laut drauflos, ein wirres Gerede, in dem unerklärlicherweise Toulouse Lautrec, Gauguin und van Gogh vorkamen. Wahrscheinlich war das ein Nachklang einiger Gespräche, die wir über Künstler geführt hatten. Nun aber geisterten sie in ihrem halbwachen Hirn herum. Unterbrochen wurde dieser unheimliche Zustand nur, wenn sie für kurz einschlief.

Wird fortgesetzt.

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