Eine gewagte Meditation 5. Folge oder: Die Autonomie der Kunst 2. Teil

Was macht denn der Künstler, wenn er seine Kunden bedient? Er pflegt seinen Kreis an Bildungsphilistern. Solche, die sich ihrer Philisterei halb bewusst sind und gnädig schmunzeln über das enthusiasmierte Kind, das ihnen begeistert und entfesselt etwas vorlesen, vormalen oder vorsingen möchte. Und wie ein Kind seine Eltern, liebt der Künstler seine Philister. Sie ernähren ihn, geben ihm einen Freiraum für seine kindlichen Begeisterungsstürme. Aber wenn sich der Kreis löst, ist auch für die Begeisterung wieder Feierabend. Zurück bleibt ein Rest erregter Affekt in den Gesichtern der Philister – wenn es ein gelungener Abend war. Dafür wird der Künstler bezahlt.

Ist der Nichtkünstler, der einer so genannten anständigen Arbeit nachgeht, besser dran? Nie und nimmer. Denn das ist eine trockene Fron-Welt. Dort gilt es, zu arbeiten und die Schnauze zu halten. Begeisterung, Enthusiasmus gilt dort gar nichts. Begeistern darf man sich bestenfalls für die anstehende Arbeit. Doch diese gibt für Begeisterung, für Euphorie selten Anlass. Und wenn ich in ihr Anlass für Begeisterung sah, wurde ich zurückgepfiffen. Denn es schadet der Arbeit. Ketten! Nichts als Ketten überall. Kann man die Ketten einfach leugnen? Nein! Und wenn ja, was macht das für einen Unterschied? Dann reduziert man sich eben selbst auf den Philister. So mancher Arbeitseifer besteht darin, die Sklaverei zu bejahen. Doch die Illusion der Freiheit ist nicht Freiheit.

Christa Wolf bringt es in ihrer Novelle Kein Ort. Nirgends auf den Punkt in dem fiktiven Gespräch zweier Selbstmörder: Heinrich von Kleist und Karoline Günderode. Die Novelle entstand im Zuge der Ausbürgerung von Wolf Biermann aus der damaligen DDR.

Kleist: Ich übe mich darin, was ich muss, auch zu wollen.
Günderode: Und verschaffen sich so die Illusion der Freiheit. Nach dieser Beobachtung schärft sich der Ehrgeiz der Begabten an der Ungunst der Verhältnisse, der Ehrgeiz der Unbegabten an ihrem verzerrten Selbstgefühl.
Kleist: Gut gegeben. Und welcher Sorte schlagen Sie mich zu?
Günderode: Das weiß ein jeder von sich selbst.


Symbolischer Kopf (19. Jahrhundert)

Wer möchte nicht gern einer Tätigkeit nachgehen, die ihn ernährt und nicht zugleich ruiniert? Der Effekt der Maschine ist immer nur ein ökonomischer.

Die Illusion der Freiheit ist nicht die Freiheit selbst. Andererseits: So wenig, wie das Gehirn zwischen Realität und Halluzination unterscheiden kann, so wenig kann unsere Vernunft zwischen realen und eingebildeten Werten unterscheiden. Daher schuf der Kapitalismus eine Werteinflation. Und wie das eben mit der Inflation so ist, wird der Wert langfristig entwertet. Wir sind inzwischen an einem kritischen Punkt angelangt. Die entwerteten Werte bedienen nicht mehr unser Bedürfnis nach objektiver Wahrheit. Denn so, wie der Organismus an Auszehrung stirbt, wenn er die Suppe, die er isst permanent verwässert, so verkümmert unser Geist, wenn er Werte aufnimmt, die nichts mehr bedeuten. Wir werden zu geistlosen Wesen, wir werden zur Maschine. Hilft es einer Maschine, wenn sie sich einbildet, sie sei keine? Es hilft ihr nicht. Es ist nur Zinspolitik. Es ist nur Steuerung. Wenn sich die Maschine ihres Maschinen-Daseins bewusst wird, dann spürt sie die Ketten der Maschine. Geist? Das ist immer Bewusstwerden der Ketten. Und hier wird es ausgesprochen kompliziert. Bilde ich mir die Ketten ein? Ist mein Unlust-Empfinden nur eine Störung? Wäre es also angebracht, mit therapeutischen Maßnahmen gegenzusteuern? Therapie: griechisch θεραπεία, therapeia das Dienen, die Bedienung, die Dienstleistung. In Deutschland regelt das BGB das Verhältnis von Arzt und Patient. Es ist ein Arbeitsvertrag!

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Ein Kommentar zu Eine gewagte Meditation 5. Folge oder: Die Autonomie der Kunst 2. Teil

  1. § 630a Vertragstypische Pflichten beim Behandlungsvertrag
    (1) Durch den Behandlungsvertrag wird derjenige, welcher die medizinische Behandlung eines Patienten zusagt (Behandelnder), zur Leistung der versprochenen Behandlung, der andere Teil (Patient) zur Gewährung der vereinbarten Vergütung verpflichtet, soweit nicht ein Dritter zur Zahlung verpflichtet ist.
    (2) Die Behandlung hat nach den zum Zeitpunkt der Behandlung bestehenden, allgemein anerkannten fachlichen Standards zu erfolgen, soweit nicht etwas anderes vereinbart ist.

    Ein krankes Bewusstsein muss man sich also leisten können. Wer Unlust empfindet, weil er seine Ketten nicht mehr erträgt, will wieder Lust empfinden. Die Basis für seine Heilung ist die Verpflichtung zur Vergütung des Heilers. So wird der Kranke selbst zum Kettenhund. Er legt nun dem Heiler die Ketten an. Und das – wie gesagt – muss man sich leisten können.
    Wer sich bezahlen lässt, trägt Ketten. Ganz gleich wie hoch die Vergütung ist. Doch immerhin liegt in der Höhe der Vergütung ein generelles Heilsversprechen. Geld befreit uns. Es ist das lindernde Öl der Maschine von der David Strauß (Theologe und Philosoph des 19. Jahrhunderts) spricht. Das ist widerlich. Das ist keine Heilung. Das ist nur ein Gnadenbrot. Und sehen wir uns die Reichen dieser Welt an. Sie schwingen die Ketten dieser Maschine mit größtem Eifer, sie sind die schlimmen Kettenhunde dieser Maschine. Ihre Heilung bezahlt die Welt mit Krieg, Not und Elend. Sie werden nicht geheilt. Sie sind die Priester der Maschine.

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