Drei Aussichten

Wenn ich vor meinem Ostfenster sitze, habe ich drei Aussichten.

Vordergrund

Auf dem Fernsehapparat zwischen mir und dem Fenster steht zur Abwehr der bösen Geister ein verblühender Kastanienzweig in einem mit Wasser gefüllten Schnellkaffeeglas. Mein Mandala ist der Pixelschirm. Verurteilte Helden bauen sich auf, mit Limodosen in der Hand, zerfließen zu Familien, deren kluge Töchter mir erklären, warum für Jogurt sterben, Spaß macht.

Ich setze mich so dicht davor, dass meine Nase sein kühles Glas berührt und denke an den Ozean. Fruchtfliegen umkreisen uns.

Mittelgrund

Die vierstöckige graue Wohnhauswand liegt sechzig Meter entfernt auf der anderen Straßenseite und vierzig Jahre entfernt in meiner Kindheit. Ich erinnere mich an den scharfen Geruch des Linoleums im Treppenhaus.

Hinter der Linie aus Schornsteinen und schmutzigroten Dachziegeln verstecken sich erfolglos einige Bäume und zwei Kirchen. Obwohl ich bis Hundert gezählt habe, entdecke ich sofort Teile der Kronen und die Turmspitzen.


Foto: Friedel Kantaut

Nachts sind alle Fenster dunkel. Nur zwei schimmern blau, und der gelangweilte Dreizehnjährige, gegenüber, der ich gewesen sein könnte, ist noch wach. Er zielt über die Straßenschlucht mit einem Laserpointer auf meine Stirn. Ich ducke mich vor dem suchenden Punkt hinter meinen Fernsehapparat.

Mein autobiografisches Gegenüber, der schießwütige Jugendliche und ich sind Gegner im finalen Häuserkampf um das Wegerecht zum Ziel.

In den kurzen Momenten der Waffenruhe sehe ich dem Schwarzweiß der Skalare im Aquarium des Jungen beim Schwimmen und den zwei Elstern auf dem Schornstein über ihm beim Vögeln zu. Weil, im zweiten Frühling, Divisionen von Gauklern und Scharlatanen in die Siedlungsgebiete der Kunst und der Liebe einmarschiert sind, erwäge ich die Kapitulation. Ich werde aus meinem Unterstand kommen, und eine leere Leinwand wie eine weiße Fahne schwenken.

Hintergrund

Am Ende ist der Himmel. Er besteht nur durch die Dinge, die sich in ihm befinden. Den Wolken, den Zugvogelschwärmen, die zwei Mal im Jahr den Horizont durchqueren, der Sonne, die bis zum August ins Zentrum meines Fensters wandert, Flugzeugen und Krähen.

Sonnenuntergänge sind in der Karibik Kitsch, in Berlin Gerechtigkeit.

Seit drei Jahren sehe ich den Flugzeugen beim Starten und Landen zu. Trotz ausbleibender Katastrophen, bleibt meine Angst vorm Fliegen. Seit einigen Tagen beobachte ich keine Landeanflüge mehr, nur noch Passagiermaschinen, die die Stadt verlassen. Ich befürchte, daß alle gehen, und niemand sagt mir Bescheid.

 

 

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