Die Bewegung der Seele oder Die Wahrheit des Abgrunds

Zum ersten Mal wieder Theater. Nachtasyl von Gorki in Regie von Michael Thalheimer.. Allein vom Titel her musste ich hin. Und dann ein Russe. Die mit ihrer versoffenen Seele. Draußen im Café der Schaubühne laufen sie auf: die vielen Gesichter, die man im Fernsehn schon sah. Von mancher Sonnenbrille zum Mund und dann hin + wieder zum Namen, der einem dann einfiel.

Genuss. Aufruhr. Versinnlicht. Tiefe. Orgiastisch. Da passte es ganz gut, dass Gorki nicht zu sehr in die Tiefe gehen wollte. Olaf Altmanns Bühnenbild – eine Kloake, ein Schacht unter der Stadt, die heute noch überall auf unsrer Welt sein kann … aus bloßem Blech, halb gerundet mit einer kleinen Öffnung, die es nur unter größter Anstrengung gestattete, mal nach oben herauszuklettern, kurzum: geniale Reduktion aufs Einfachste, ins Feinste. Mit allergrößter Wirkung. Sprachkörperlich beinah.


Zeichnung: Rolf Hannes

Nicht nur die Kälte des Abgrunds wie jede einzelne Stimme der 13 Gescheiterten wurden sichtbar, nein, es wurde die unergründliche Tiefe des Menschen sprachlosmachend: obgleich dauernd gesprochen wurde (der einzige Nachteil des Stücks). Ebenso genialisch die Musik von Bert Wrede, die hin und wieder länger die Innereien in Fetzen hätte schlagen können. Ein Seelenerleben. Alle 13 Stimmen oder Figuren des Stücks hätten auch 13 Stimmen aus ein und derselben Person, d.h. einem einzigen Ich sein können. Ekel, Enttäuschung, heimliches Hoffen, Gott auf- und abtreiben, Onanie, Drübersteigen über Tote, Mord, Esprit und Witz, wie es nur in dieser Kombo Gescheiterte erfinden können und – die Feinheit in den Fingern und Unterlippen und fast nicht hörbaren Tönen des Aufbegehrens (Weinen, Seufzen, Süffisanz) Nicht nur die Finger oder Füße, sondern auch die erstarrten Blicke drückten eine Lebens-Haltung aus. Stets herausstechend. Nie gekünstelt.

Wird fortgesetzt.

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