Der Platz Folge 2

Eine Zigarette später nähert sich Rosie. Fach denkt an nicht mehr ganz frisches Obst, das zu lange auf einen Käufer gewartet hat.

Haste mal nen Schluck? – (Rosie ist auch pleite.) – Wenns sein muss. – Fach sieht in feuchte, gerötete Augen. Schwarze Schminke läuft in schmalen Bächen an ihren Wangen runter. Marius liebt mich nicht! Es nervt, wenn sie über diese Liebe zu Marius wimmert. Fach ist zu träge um aufzustehen und wegzugehen und versucht, dieses geballte Leid neben sich auszublenden. Die Erinnerungen an die schlanken Körper junger Tänzerinnen verblassen. Was ist bei dieser Heulsuse alles schiefgelaufen, dass ihr nur ein alter Rockstar bleibt, um ihn im Namen ihrer unendlichen Liebe zu stalken. Nach seinem Auftritt hat sie heute Nacht vor seinem Hotel auf ihn gewartet. Als nach endlosem Warten endlich im obersten Stockwerk die Lichter angingen, hat sie versucht, ins Hotel zu kommen. Sie war schon fast beim Lift, als sie von der Security eingefangen und auf dem Vorplatz entsorgt wurde. Warum ließ man sie nicht zu Marius, er würde bestimmt warten. Sie zog ihr Höschen in die Kniekehlen, hockte sich auf den Asphalt und kackte ihre Wut vor sein Hotel.


Grafik: Friedel Kantaut

Ich hab alles falsch gemacht. Ich habe Marius für immer verloren. Ohne ihn ist mein Leb… – Jetzt pass mal auf – ihr Geheul geht Fach auf den Sack. Wenn er sie nicht beruhigt und loswird, ist dieser Tag gelaufen. Nichts ist endgültig, Du hast bestimmt noch einen zweiten Versuch, sagt er. Es scheint zu klappen. Obwohl sie schon mindestens zehn Versuche hinter sich hat, glimmt Hoffnung in ihren blass-blauen Pupillen. Marius wird auf mich warten. Dann wird alles gut… Ihr rechter Mundwinkel krümmt sich wie eine Sichel nach oben, die linke Seite ist tot. Eine verrutschte, schiefe Fröhlichkeit. Sie reibt sich die Augen. Ich muss was trinken. Dann kann ich auch schlafen, und dann träume ich bestimmt von ihm. Hast du Dope. – Nein! – Fach schaut dem kleinen und so unendlich alten Mädchen nach. Sie glaubt an Marius, andere an Gott, Erleuchtung oder an vegane Ernährung. Glaube scheint dabei zu helfen, die Zeit aufzuhalten. Wahr ist, was erbaut. Fach fühlt sich wie eine Fliege, die zusammen mit einem Haufen Hundescheiße in einem kleinen, rosa Plastikbeutel gefangen ist. An was glaubt eine Fliege?

 Der Tag schleicht an ihm vorbei. Fach braucht einen Plan, um nicht allein zurückzubleiben und ewig hier festzuhängen. Zwei Hunde schnüffeln an ihren Arschlöchern und markieren die Linden. Nebelkrähen durchsuchen den Abfall. Er muss schrittweise vorgehen. Schritt eins ist, sein letztes Geld abheben. Nach dem erfolgreichen Kontakt mit einem Geldautomaten kommt Schritt zwei. Alkohol und Tabak kaufen. Ein Kurzer und das Bier machen Mut zu Schritt drei. Kurz vor ihrem Ablauf hat er seine Monatskarte kaum genutzt. Das muss aufgeholt werden, sonst ist die Kohle dafür Verschwendung. Heute wird sein Tag des öffentlichen Nahverkehrs, und er will sich amüsieren.

Wird fortgesetzt.

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