Das ist doch löcherlich!

Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist. Hat Tucholsky gesagt. Das stimmt ja auch – und wiederum auch nicht. Denn wo ein Loch ist oder eine Lücke oder ein Riss, ist oft auch Ärger. Den will man zustopfen. Beziehungsweise das, das Loch, und damit auch ihn, den Ärger.

Seit längerem blicke ich von meinem Lieblingssessel aus auf ein Loch, vielmehr ein Löchlein, daumengroß, in der Wand gegenüber. Die Tapete hinter den Heizungsrippen ist eingedrückt, es handelt sich also mehr um eine Delle als um ein tiefes Loch. Sitze ich im Sessel, fällt mein Blick unweigerlich auf das Loch. Er wird geradezu angezogen von dieser Hässlichkeit. Vom Mangelhaften. Dem Reparaturbedürftigen. Ich kann nicht darüber hinwegsehen oder daran vorbei oder in mein Buch oder in die Zeitung. Ich starre auf dieses Loch, ein leichtes Unwohlsein breitet sich in mir aus, das sich steigern kann bis zum Ärger, bis zum Nicht-mehr-Aushalten. Dann muss ich aufspringen, wütend und verzweifelt darüber, dass ich mich von einem Loch in der Wand beherrschen lasse. Löcherlich ist das!


Collage: Rolf Hannes

Dieses Loch hat zu viel Einfluss auf meine Stimmung. Ich muss etwas tun. Also besorge ich im Baumarkt eine spezielle Spachtelmasse für Rauhfasertapeten. Es gelingt mir durch akrobatische Verrenkungen meinen mit der Spachtelmasse beschmierten Zeigefinger hinter die Rippen des Heizkörpers zu schieben. Das Loch ist gefüllt. Dem habe ich’s gegeben! Kein klaffendes böses Grinsen mehr von der Wand. Ich bin zufrieden. Selbst ist die Frau.

Die Zufriedenheit wärmt mich bis zum nächsten Tag. Mein Blick fällt – nein! nicht etwa auf die perfekt reparierte Stelle – auf ein weiteres Löchlein, viel kleiner als das andere, direkt unter dem Fensterbrett.

Ich sitze so wie ich immer in meinem Sessel sitze. Fixiert auf Loch Nummer eins habe ich Loch Nummer zwei die ganze Zeit nicht gesehen!?

Tucholsky hat gefragt: „Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt es sich seitwärts in die Materie? Oder läuft es zu einem anderen Loch, um ihm sein Leid zu klagen

Ich vermute letzteres, aber mehr noch als die Tatsache, dass es offenbar mehr Löcher in der Tapete gibt als ich zunächst gesehen habe, beschäftigt mich nun die grundsätzliche Frage: Warum fällt mein Blick auf die Löcher in meinem Leben, warum wird er von Löchern und anderen Mängeln geradezu zwanghaft angezogen? Ich komme ja bald zu nichts anderem mehr als zum Löcherstopfen. Soll in meinem Nachruf einmal stehen: Sie war Meisterin darin, Löcher aller Art zu stopfen!? Nein!

Ich brauche ein neues Verhältnis zum Loch. Ein Loch soll da sein dürfen, wo etwas nicht ist. Es soll nichts sein dürfen. Nichts, das mich berührt, auffordert und anklagt. Lochlos glücklich will ich sein!

Das ist nicht löcherlich!

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Ein Kommentar zu Das ist doch löcherlich!

  1. Rolf Hannes sagt:

    Vor einigen Tagen hatte Corinna Reinke Geburtstag, Also gratulieren wir ihr herzlich. Sie hat uns mit einigen Gedichten und Geschichten schon vor Jahren zauberhaft unterhalten.

    Die Quersumme ihres Geburtstags war 7. Die 7 ist seit altersher das Geheimnis. Das ermunterte uns, sie um einen neuen Beitrag zu bitten. Und wenn sie jetzt in ihrem neuen Text ihre detektivische Beobachtung aus einem Sessel heraus macht, erinnern wir uns Ihrer Geschichte Nur ein Sessel, die wir in zwei Folgen am 12. und 19. Dez. 2015 veröffentlichten. Sie ist es wert, nochmals gelesen zu werden.

    http://www.futura99phoenix.de/nur-ein-sessel/
    http://www.futura99phoenix.de/nur-ein-sessel-2-folge/

    Das ist ja das Großartige unsrer InternetZeitung, sie ist über das wöchentliche Lesefutter hinaus ein immerwährendes Lesebuch, oder, vornehmer ausgedrückt, eine Anthologie (für eine kleine Ewigkeit).

    R.H.

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