Chassidische Geschichte 6

Vom Erkennen eines Meisters


Tuschfederzeichnung: Rolf Hannes

Ein chassidischer Meister war unterwegs mit seinen Schülern. Sie kamen zu einer saraya, das ist eine Herberge. Sie verbrachten dort die Nacht. Am Morgen brachte der Wirt das Frühstück. Als sie ihren Tee tranken, fiel mit einmal der Wirt zu Füßen des Meisters, ekstatisch – weinend und lachend zugleich. Die Schüler waren erstaunt. Wie konnte er wissen, daß dies der Meister war?

Denn es war ein Geheimnis, und den Schülern war es aufgetragen, niemandem zu sagen, wer der Meister sei. Der Meister wollte unerkannt bleiben. Wer hatte dem Wirt etwas gesagt? Die Schüler waren besorgt. Sie erkundigten sich, aber niemand hatte etwas gesagt. Niemand hatte überhaupt mit dem Mann gesprochen.

Der Meister sagte: Seid nicht verwirrt. Fragt den Mann selbst, wie er mich erkannt hat. So fragten sie. Sie sagten: Wir können ihn nicht erkennen. Selbst wir sind nicht ganz sicher, ob er wirklich erleuchtet ist oder nicht. Und wir leben seit Jahren mit ihm. Ja, wir haben ein gewisses Mßtrauen. Wie konntest du ihn erkennen? Der Mann sagte: Ich hab Tausenden von Leuten Tee und Essen gebracht. Ich hab Tausende von Menschen beobachtet, und ich bin nie einem Mann begegnet, der eine Teeschale mit soviel Liebe betrachtet hat. Ich kenne alle Sorten von Menschen, die hier durchreisen, Tausende. Aber ich habe niemanden gesehn, der eine Teeschale mit solcher Liebe anschaut, wie wenn jemand seine Geliebte anschaute.

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