Chassidische Geschichte 17

Der meschuggene Philosoph

Tuschefederzeichnung: Rolf Hannes

Einer der größten indischen Philosophen des 20. Jahrhunderts war ein sehr seltener Kauz. Er war einer der größten Philosophen, die Indien je hatte. Nicht sehr bekannt, ein wirklicher Philosoph, nicht einfach ein Professor der Philosophie. Er war sehr sehr meschugge.

Studenten hatte er kaum, seine Vorlesungen blieben leer. Imgrunde besuchte niemand mehr seit Jahren seine Kurse. Manchmal sprach er am Stück für drei, vier, fünf Stunden.Und er pflegte zu sagen: Die Universität kann bestimmen, wann meine Stunde beginnt, aber sie kann nicht bestimmen, wann sie endet, denn das hängt davon ab, wie ich in Schwung komme. Wenn etwas unvollständig ist, kann ich es nicht dabei belassen. Ich muß es abschließen.

So brachte er alle durcheinander. Manchmal nahm er viele Stunden in Anspruch, manchmal sagte er wochenlang kein Wort. Das hielt keiner der Studenten lange aus. Selbst die, die es versuchten, blieben nach und nach weg.

Einmal geriet ein junger Mensch in seine Vorlesung. Der Profesoor sah ihn an und da er gerade in Laune war, sagte er: Ja. Du magst mit mir übereinstimmen. Du schaust auch ein wenig meschugge aus. Mir sagt man nach, ich wär mehr als meschugge. Merk dir, wenn ich rede, hör ich auf, wenn es aufhört. Ich zwinge mich nie. Wenn du dich also unwohl fühlst, auf’s Klo mußt oder sowas, dann geh. Aber sag nichts, ich werde fortfahren.

Diesen einzigen Zuhörer, den er hatte, vergaß er mit der Zeit völlig. Selten sah er ihn an. Manchmal gluckste er in sich hinein und freute sich wie es Kinder tun, die ganz eins sind mit sich und der göttlichen Welt.

 

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