Chassidische Geschichte 10

Tuschefederzeichnung: Rolf Hannes

Der Chassidim erzählte eine Geschichte. Er sagte: Einst geschah folgendes. Durch sein Fehlverhalten erregte ein Prinz den Zorn seines Vaters. Und so wie sich der Prinz benahm, so unhöfisch, so unköniglich, konnte der Vater nicht umhin, ihn aus dem Königreich zu verbannen. Der Vater dachte, der Sohn würde es bereuen, ihn um Vergebung bitten und dann zurückkehren. Aber der Sohn verschwand einfach. Niemals suchte er Berührung zum Palast.

Er zog im Land herum und traf eine Gruppe von Säufern, Spielern und Huren, die viel Übles im Schilde führten. Er schloß sich ihnen an. Nach und nach wurde er ihr Anführer. Selbstverständlich, er war ein Prinz und gemacht zum Anführer.

Viele Jahre vergingen, der Vater wurde älter und älter, und er sorgte sich um das Wohlergehen seines einzigen Sohns. Wohlwissend, daß der Tod näherrückte, schickte er seinen tüchtigsten Minister aus, damit er seinen Sohn heimbringe. Der Minister fuhr in einer goldenen Karosse, mit vielen Dienern, ein ganzes Regiment folgte ihm. Ein großes Zelt wurde vor der Stadt, worin der Sohn sein Unwesen trieb, aufgeschlagen. Der Minister schickte seine Boten aus, den Prinzen zu suchen. Er selbst blieb außerhalb der Stadt, denn es war unter seiner Würde sie zu betreten: eine arme Stadt, es war ganz undenkbar für ihn, dieses dreckige Nest zu betreten mit all diesem dreckigen Volk. Der Minister versuchte vergeblich an den Prinzen heranzukommen, eine Verbindung war nicht möglich, die Kluft war zu groß. Unverrichteter Dinge kehrte er zurück.

Dann wurde ein andrer geschickt, ein mutigerer Mann. Er erfaßte den Fehler des ersten Ministers, und warum die Begegnung nicht hatte stattfinden können. Er ging wie ein Bauer in gewöhnlichen Kleidern, ohne Diener und mischte sich unter die Gruppe. Er freundete sich an, und nach und nach begann er, diese Freiheit zu genießen. Er empfand nun den Palast wie ein Gefängnis ohne wirkliche Freiheit. Jetzt fühlte er sich frei, ganz und gar frei. Niemand machte ihm Vorschriften. Es war ihm erlaubt, er selbst zu sein. Er ging nicht wieder zum König zurück, also blieb dessen Auftrag unerfüllt.

Nun wuchs die Angelegenheit dem König über den Kopf. Er beriet sich mit einem dritten Minister. Der war nicht nur mutig sondern auch weise. Er bat um drei Monate Urlaub, um sich vorzubereiten. Der König fragte: Was willst du vorbereiten? Die Antwort: Um mich zu erinnern.

Er ging zu einem Meister, einem Zaddik, um bewußter zu werden. Der sagte: Beide Minister gingen fehl, der erste ganz, der zweite halb, was aufs selbe hinausläuft, denn sie konnten sich ihrer selbst nicht erinnern. Hilf mir, sagte der Minister, mich meiner selbst zu erinnern. Hilf mir, mich zu erinnern, daß ich einen Auftrag auszuführen habe.

Drei Monate meditierte er, er übte eine Weise des Selbst-Innewerdens, das die Zaddiks Wachsamkeit nennen. Dann ging er. Er ging wie der zweite Minister in gewöhnlicher Kleidung. Er benahm sich nicht nur wie ein Bauer, er benahm sich wie ein Betrunkener. Aber er tat nur so, er war nicht wirklich betrunken. Er lebte in der Gruppe des Prinzen und erfreute sich der Gesellschaft. Er tat so, als denke er nur ans Saufen, Spielen, und täuschte sogar vor, sich in eine Hure zu verlieben. Und fortwährend, wie eine Unterströmung, blieb er sich seiner bewußt: Wer bin ich? Warum bin ich hergekommen? Er beobachtete sich wie ein Zeuge. Kein Zweifel, so hatte er Erfolg. Er gewann die Vertrautheit des Prinzen und konnte ihn von seiner Heimkehr überzeugen.

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