Liebesbrief


Foto: Friedel Kantaut

Seitdem du mir über die Schulter spinkst
während ich einen Liebesbrief schreibe,
lüge ich viel weniger als sonst.
Die Tinte schmeckt mir viel besser als früher.
Hab mich nicht getraut,
es Emile zu sagen.
Hab sie letzt im Café kennengelernt …
Das dort hinten, das neu … du weißt schon.
Sie ist Künstlerin … denkt sie zumindest …

Und kann mit ihrer Vergangenheit
nichts mehr anfangen.

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Verstehen wollen

Foto: Angelika Janz

Als das Wünschen noch geholfen hat – wie lange ist das her…
Die Intensität, Eindringlichkeit, mit der gewünscht wurde,
ließ vielleicht ihre Erfüllung schon ahnen.
Im Zeitalter erfüllbarer materieller Wünsche, des Überdrusses,
des gleichgültigen Übergehens schneller Erfüllung bis zur nächsten,
des gleichgültigen Überdrusses menschlicher Katastrophen bis zur nächsten,
des gleichgültigen Überdrusses der Verstörung, der Zerstörung von Naturerbe bis…
scheint es umso schwerer, ideellen Wünschen näher zu kommen.

Wenn das Wünschen helfen soll, kann seiner Eindringlichkeit die eigene
Geistes-Gegenwart, die eigene Vergewisserung
und die deiner bewegten, bewegenden G e g e n d  vorausgehen,
eine Vergewisserung,
die nicht nach Eigengewicht und Werten fragt, nicht nach Lusterfüllung und Bestätigung,
nicht nach Erfolgsgewinnen, nicht nach den Farben von Status und Zugehörigkeit,
nicht nach Überzeugungssiegen und materiell aufgewogenen Zustimmungen.

Gedanken und Blicke tauschen,
Worte und Sätze gemeinsam formulieren,
bis sie stimmen.
Verdrängte Befindlichkeiten zeigen
und bei anderen anerkennen.
Verstehen w o l l e n,
verstehen k ö n n e n,
verstehen,
– innehalten —-

Das ist wohl so ein Wunsch, dem geholfen werden kann.
Danach könnte es weitergehen, anders, neu, vielleicht auch überraschend.

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Morgenlandreise 48

Sakkar

Kleiner Nachtrag zum Silvesterabend in Quetta. Als es gegen Mitternacht ging, war unsre Müdigkeit verflogen. Wir waren hellwach. Wolf und ich saßen uns gegenüber und unser Zimmer, so häßlich blatternarbig, staubverschmutzt und voller roter Flecken es war, wurde uns ein immer heimeligeres Zuhause. Der Raum war fünfeckig. Mein Lebtag war ich nie in einem fünfeckigen Raum gewesen, auch Wolf nicht. Ein fast gleichmäßig fünfeckiger Raum bringt einen auf allerhand Überlegungen. Wolf sagte: Das Fünfeck ist eine wichtige Form in der Kabbala. Wir fühlten uns immer wohler, scherzten, unser Gespräch hüpfte silvesterlich zwischen unsren Betten hin und her. Wir hatten keinen Tropfen zu trinken, wir waren trunken in unserm Gespräch. Wolf führt nur ganz wenig Gepäck mit sich, weniger als ich. Er sagte, zuhause hätte er alles aufgelöst, er besitze nur noch seine Gitarre und einen kostbaren Ring. Wolf zeigte mir seinen Ring. Ein Ring mit einem grünen, pyramidisch nach oben wie nach unten geschliffenen Stein, fünfeckig wie unser Schlafraum. Dieses Grün, sagte Wolf, verändert seine Farbe im Schmelzprozeß nicht. Allein dieses Smaragdgrün besitzt die Eigenschaft, im Feuer sich selbst zu bleiben, behauptet Wolf. So kamen wir auf das Phänomen Pyramide zu sprechen.

Dann spielte Wolf auf seiner Gitarre, seinem zweiten wertvollen Besitz. Das verblichene graue Gelb unsres Zimmers, die nackte Glühbirne, unsre verstreut auf den Betten herumliegenden Sachen, die Holzgestelle selbst, alles bewegte sich in dem feinen Zittern einer gerade geborenen Melodie.


Ein pakistanischer Mitreisender zeichnete mir das auf ein Zettelchen: dschenab sufi

Seit Quetta bin ich der Mr. Sufi. Im Zug hatte jemand den Einfall, mich so zu nennen, wegen meines Barts. Jüngere Männer tragen keine Bärte, nur Schnäuzer. Einer gab dem nächsten den Namen weiter. Also heiße ich Sufi.

It’s the real thing: Coke. Coka-Cola ist das Bier des Ostens. An allen Ecken stehen die Kisten aufgetürmt. Coka-Cola und Walt Disney haben den 2. Weltkrieg gewonnen. Die amerikanische Krankheit frißt sich wie ein Geschwür in die Welt.

COKE ADDS LIFE TO….. EVERY THING NICE.

Meine Nächte sind voller Husten. Die Eindrücke übertags füllen mich randvoll bis in meine Träume hinein, ich bin ein Band, das speichert. Wieder und wieder werde ich es abspielen müssen, um die einzelnen Stimmen herauszufiltern, das Band hat eine simultane hundertfache Überspielung. Leben ist Sonderung, Einfachheit. Das ANDRE ist Wahnsinn. Du versuchst herauszuspringen aus dem Einfachen, BEIDES zu verbinden. Das ist das Feld des Künstlers. Deshalb ist er für die Verrückten normal, für die Normalen unverständlich. Bewegt er sich auf der Spitze des Diamanten?

EK DO TIEN TSCHAR PAATSCH TSCHÄ SAAT AAT NO DAS (So zählen sie in Urdu. Pakistans Sprachen: Urdu, Panjabi, Sindi, Balutschi, Bhatan’i)

Merrherrbani : Dankeschön   choda hafis : auf Wiedersehn (auch: gute Nacht)

Ich möchte in Karatschi ein Schiff nehmen nach Bombay. Nach soviel Sand möchte ich Wasser, das Meer, eine Schiffahrt erleben.

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Wunderblock 13

Querstriche


Grafik: Friedel Kantaut

An  den  Gesichtern   wie  an
Querstrichen       vorbeigere-
det.   Die  feinen   Menschen
werde   ich   anketten.      An
meinen    kleinen     Himmel
hängen.    Wir  spiegeln  uns
doch:       nächtelang.   Spre-
chen uns erklärungslos. Das
Verliern   war   nie   schöner.
Kramst     du    immer   noch
nach   deiner   letzten unver-
letzten  Silbe?  Stell  dir  vor,
letztens zog  ich die  Jalousie
hoch   um   meine  Pornoson-
ne  zu  knutschen.   Während
du   immer  noch   dabei  bist,
mit    den   Wänden   Freund-
schaft    zu    schließen.   Nun
verbring   ich   den   Rest  des
Samstags     mit   abgeschlürf-
ten     Wangen      im     Garten
(auch   im   Winter).

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Transzendenz

Fischgräte
Ich ziehe einen Fremdkörper aus meinem Rachen
durchsichtig
ein Zentimeter Durchmesser, Kreis
immer mehr Körper rutschen nach
ich greif sie
spuck sie aus

Ich erbreche Minidisketten
Während ich meinen Rachen von
neuem vom runden Material säubere
lege ich eine der Schuppen in einen Player
erkenne unscharf    mich
und was ich gedacht habe zu machen,
und was ich gemacht habe ohne zu    denken


Grafik: Friedel Kantaut

Fragmente eines schlechten Liebesfilms
die Vermeidung der Erkenntnis
dass man seinen besten Satz
sein bestes Bild
seine beste Nummer
und seinen schönsten Traum
schon längst überhat

Und dann
hält man an einem Ort
findet eine Metallbox
pustet den Sandhaufen von ihrem Deckel
durch Knopfdruck öffnet sich ein Fach und
Schaltkreise versprechen mir unbegrenzten
Zugang

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Morgenlandreise 47

Haiderabad

Manchmal, umringt von einer Schar Kinder, größeren und kleineren, ein chorisches Geplapper und Geschrei dringt auf mich ein (unter ihnen gibt es welche, die brockenweise englisch radebrechen), sollte ich mein mimisches Talent Kobolz schießen lassen und dem ganzen Wirrwarr die letzte Würze geben: theatralisch inmitten der Schar für Augenblicke meinen Verstand sausen lassen?

Tomorrow yes my name very nice today pakistan oh yes which name belongs to very nice wonderful you come on whats come your home is my name is yesterday mister no urdu only english yes no very many much to much now ask him mister very nice to see you whats your name thank you very nice only twenty yes no urdu mister yes no see in my home to much wonderful whats your name my name is mister only to much without your country is GERMANY yes very nice tomorrow my home comes to you very wonderful come on

M i s t e r Pakistan belongs to Germany West Germany MISTER or East Germany yes West Germany made in Germany great to much urdu no thea yes MISTER made in Pakistan wunderful very nice sukkery yes MISTER made in Pakistan yes sindi no MISTER whats your country tomorrow in my house tschai yes how much very english man no pakistan man my old name belongs to much thea look MISTER wunderful whats your name come to me today I am closed my home is your country take MISTER come on my name is come on go out not very wonderful nice home whats your name tomorrow how

Einen Tanz hinlegen wie ein göttlich durchgedrehter Derwisch, wie weiland Hodscha Nasredin, ja das würden sie mögen, diese launigen Schlingel. Sie würden mit mir herumhopsen, in die Hände klatschen und mich als Obernarr in ihrer Schar willkommen heißen. Was mache ich? Fuchtle mit den Händen überm Kopf und trete die Flucht an.

Auf dem Haus, gegenüber dem Fenster meiner Herberge, sitzt ein schwarzer Storch. Er hat den Schnabel zwischen seine Flügel gesteckt, er träumt von schwarzweißen Kühen, grauen Eseln, sandfarbenen Kamelen, roten Pferden, vielfarbenen Hühnern, blauen Katzen, Kindern, Kindern, Kindern, in allen Regenbogenfarben.

Haiderabads Textilfärberei findet unter freiem Himmel statt. Scharlachrote, indigoblaue, safrangelbe und smaragdgrüne Wolle liegt und hängt zum Trocknen in weiträumigen Hinterhöfen. Gestern schaute ich in ein Haus mit einem Dutzend Webstühlen. In einem Raum zwei Webstühle, zwei Kinder, etwa 12jährige Buben, sitzen daran, mit dem Rücken zueinander, damit sie sich nicht unterhalten und ablenken. Sie blickten kaum auf als ich herzu trat, lächelten ihr ernstes unergründliches Kinderlächeln. Ihre Bewegungen sind flink, seit Jahren weben sie an diesen klobigen hölzernen Maschinen und verdienen Pfennige für arme Familien. Wie lange weben sie täglich? Und das Jahrzehnte? Ein Leben lang?

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Morgenland

Der Dichter sitzt wieder an meinem Ostfenster, wirft lange Schatten und benutzt die Worte redundant und outsourcen. Ich übersetze.

Redundant

Meine Oma sagte: Doppelt gemoppelt. Seit ich dich kenne, hat die Erde eine zweite Sonne. Sie hielt ihr Handy wie eine Wünschelrute. Seit ich dich kenne, ist erster Mai. Der Frühling klemmt bei Magdeburg. Ich hau den Alltag in die Abfalltonne. Der Informant ist einerlei. Seit ich dich kenne, ich bin nicht die, für die du mich hältst. Der Nahverkehr führt in die Weite. Seit ich dich kenne, ist Eintritt frei. Ich esse gerne Fisch, weil mich die Gräte hinterher nicht heiraten will. Du bist die Tür zu meinem Wunschbüro. Flitzendes Flugzeug, vom Gummiband gezogen, treibst du uns endlich zu uns her. Wenn ich dich treffe, wird die Stadt zur zweiten Liebe. Wenn ich dich treffe, ist nichts einerlei. Du bist der Ausweg aus dem Lebensrumgeschiebe. Es ist nur ein Kratzer, lasst mich hier zurück. Du bist Tanderadei. Wenn ich dich treffe, ist in der U-Bahn plötzlich Lebensstille. Es ist irgendwo da draußen. Du bist Tanderadei,

Wenn ich alle 30 Minuten in meiner Bar ein kleines Dunkles für ein Euro achtzig trinke,
dann zahle ich für sozialen Kontakt sechs Cent pro Minute.

…der Terror. Die S-Bahn zwischen Friedrichsstraße und Zoo. Wenn da Bomben wären.
Zur Hauptverkehrszeit. Ich fahr da jeden morgen lang. Heute hab ich den Staatsschutz informiert. Staatsschutz – nicht Staatssicherheit. Der Herr sagte, er sieht das auch so. Ob er zu dir Staatsschutz sagt oder ob du betest. Sicherheit ist Illusion.
Das bleibt hier am Tisch.
Am Tisch?…. Staatsschutz. Das Wort hab ich nie gehört.
Also klar, am Tisch. Wo kommst du eigentlich her? Tanderadei.

Ich muss wieder da rein.

Bei Pernod/Wasser (klein), der Keeper hasst mich dafür. Also zahle ich für sozialen
Kontakt nur fünf Cent. Für willige Frauen aus meiner Nachbarschaft…. Tanderadei


Zeichnung: Friedel Kantaut

Das Schlimmste, was auf mich wartet, ist eine Anklage wegen groben Unfugs mit Todesfolge. Dann geh ich in Berufung. Und bevor ich verurteilt werde, bin ich tot. Tanderadei.

Outsoursen

Meine Oma sagte, lass mal die andern machen. Wenn der Alkohol so wirkt, muss das Haschisch schon ziemlich gut gewesen sein.

Sonnabendnachmittag. Über der Stadt wurde in einhundertdreißig Meter Höhe eine
Betondecke eingezogen, aus der es regnet. Die Pärchen aus meinem Bekanntenkreis
lecken sich ihre Psychosen. Ich führe meine Depression aus. Ich gönn ihr was.

Ein Friedhof im Wedding. Vorbei an Gräbern mit abgelaufenem Nutzungsrecht. Hört das Umziehen denn nie auf? Ich setze mich auf eine nasse Bank. Suche mein Zentrum. Finde es an der falschen Stelle. Auf dem Grabstein gegenüber steht: Hier ruht Lieschen Fick. Was will mir Herr Gott damit sagen?

Weil die schöne Kellnerin nicht mehr in der Abendbar arbeitet, sondern jetzt zur Schauspielschule geht, erwäge ich ein Theaterstück zu schreiben.

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Gebeine eines Philosophen

Ein Zeitvertreib

Wie die Sache sich zur Welt verhält
ist ja nicht das was uns gefällt
sondern das was daran zerschellt

Denn alles ist der Fall
und fällt dem Raume zu
mit einem großen Knall
das ist daran der Clou

Bedenke was ich meine
denn die Sache ist nicht deine
das Zeug ist von der Leine

Denn was da ist fällt
was nicht da ist eben nicht
so ist’s zusammengestellt
genau so ist es hingericht

So gerichtet mit den Dingen
muss es doch gelingen
dass wir etwas Zeit durchbringen

Die aus Zeit gemachte
Form das ist die Tat
doch nicht was fallend krachte
schon längst ohn‘ unsern Rat


Bild: Marianne Mairhofer

Abgesang:

Was uns hier zeitlich bindet
ist nur so in der Welt
wie man es eben hingestellt
im Raume wiederfindet

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Morgenlandreise 46

Quetta

Es herrscht große Unruhe in Belutschistan. Wilde berittene Krieger mit langen Flinten und Krummsäbeln umkreisen die Stadt, es geht das Gerücht eines Umsturzes. Wir konnten die Reiter vom Zug aus beobachten, wie sie wilde Gebärden und Verwünschungen in unsre Richtung ausstießen. Quetta ist voller Soldaten, sie sollen wohl das Eindringen der Aufständischen in die Stadt verhindern.

Auf dem Bahnsteig, auf der Suche nach einem Hotel, traf ich auf Wolf Seidenberg, der gleichfalls ein Hotel suchte. So suchten wir gemeinsam und fanden ein Doppelzimmer im BISMILLAH. Ein sehr trauriges, heruntergekommenes Haus, das Portal flankiert von zwei Soldaten, auch heruntergekommen, finsteren traurigen Blicks. Sie würden sich wünschen, uns einsperren zu dürfen und uns nur gegen Lösegeld wieder freizulassen. Wir waren es müde, weiter zu suchen und ließen uns auf die Bruchbude ein. Sie hatte so was wie einen Gemeinschaftsraum, worin wir uns erstmal niederließen und die Beine streckten. Tschai wurde uns gebracht. Das ist das Wunder des Orients: du sitzt in einer Räuberhöhle, bestellst dir einen Tee, dein Nachbar, den du erst seit zehn Minuten kennst, dreht dir einen joint, der Tee schmeckt himmlisch, die Glieder und Gedanken entspannen sich. Gut gestimmt, fing Wolf als nächstes an, seine Gitarre gutzustimmen, und stimmte ein allerliebstes Liedchen an aus dem heimatlichen Ruhrpott. Leise und mit Zurückhaltung, unsre Nachbarn spitzten die Ohren und lächelten wohlwollend. Sie haben hier alle Schiß, sie könnten in die Umsturzwirren geraten. Auf welche Seite sollten sie sich schlagen? Einer fragte uns mit Händen und Füßen, woher wir kämen. Wolf hatte ein Stück Kreide dabei, und ohne Umstände zeichnete er eine vereinfachte Weltkarte auf den Boden, auf gestampften Lehmboden. Europa, naher Osten, ferner Osten. Und mitten in Europa liegt Deutschland, und da kommen wir her. Nach dem dritten Zug aus einem guten joint haben diese Leutchen den absoluten Durchblick, nur keine Vorstellung von Entfernungen, und Deutschland war ihnen ziemlich gleichgültig. Mehr interessierte sie Wolfs Gitarre. Sie betasteten sie vorne und hinten und zupften auch mal verstohlen eine Saite. Dann lachten sie verschämt, weil solche Musik und ein solches Instrument ihnen ungewohnt ist.

Silvester. Um Mitternacht saßen Wolf und ich uns in unserm Zimmer jeder auf seinem Bettgestell gegenüber. Kein weiteres Möbel gab es, als diese 2 hölzernen Gestelle. Wir rückten sie von den Wänden ab. Sie waren voller roter Flecken. Hingerotzte, hingespuckte blutrote Flecken, Spuckflecken von Kat-Kauern. Kat, eingerollt in einem Blatt, stecken sich die Männer, meistens ältere Männer, zwischen Unterlippe und Zähne, primen und kauen darauf herum, bis sie die rote Brühe im Mund loswerden wollen und sie gegen die nächstbeste Wand spucken. Wolf sagte: Wenn sie‘s auf den Boden spuckten, müßten sie da durchlatschen.

Wolf wußte noch ein Geheimnis für mich, ein wirkliches Geheimnis. Er sagte: Leg dich an den Sockel einer Pyramide und schau hoch an ihr. Die Fläche wird zum Wegweiser für dein Auge. Der Punkt ihrer Spitze ist der Punkt, wo sich die Unendlichkeit auftut. Die Spitze mündet in einen nadelfeinen Diamanten. Sie ist die Nahtstelle, alles sammelt sich in ihr. Das gesamte All findest du in der Spitze dieses Diamanten. Die Spitze, wohlgemerkt, hat kein Gewicht, keine Ausdehnung. Es ist der Punkt, wo das Nichts beginnt und das Alles endet. Liege so lange am Fuß der Pyramide, dein Ohr und dein Herz angeschmiegt an den glatten Stein, bis du die unendlich feine Bewegung spürst, die die Pyramide atmet.

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Was bringt uns der Stern fürs neue Jahr?


© R. H.

Was bringt uns der Stern fürs neue Jahr? Er überlegt sich noch was.

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