Traum vom Fliegen Folge 2

für Alexandra

Irgendwo hinter mir lebte diese Welt, saßen Menschen lachend in Kneipen, irgendwo, weit weg von mir und doch nur um einen kleinen Fußmarsch entfernt, sahen Menschen still aus ihren Fenstern, und vielleicht flog mein Blatt an einem dieser Fenster gerade eben vorbei, spürte mein Blatt diesen kurzen Höhenflug der Freiheit, ehe es langsam, einer Feder gleich sich wiegend, seines Endes kaum bewusst, zu Boden schwebte. Die Frau vielleicht, die gerade an dem Fenster stand und das Blatt von ihrem Fenster aus beobachtete, hatte es jedoch kaum wahrgenommen. Sie hatte nur geistesabwesend dem sterbenden Blatt nachgesehen, und dann die Jalousien geschlossen, um ein Buch zur Hand zu nehmen und zu lesen. Die Geschichte, welche die Frau zu lesen begann, handelte von einem Blatt, das sich sehnsüchtig wünschte fliegen zu können, dorthin, wo es keinen Herbst gibt, dorthin, wo eine herrliche Welt immer nur im Sommer lebt. Das Blatt klagte also den Wolken sein Leid und der Herbstwind hörte es und nahm es mit auf seine Reise. Das traurige Ende der Geschichte sollte aber so sein: das Blatt, während seines Sterbens, auf der Straße liegend in einer regennassen Gasse, wünscht sich noch einmal zu fliegen: Ich will zurück zu meinem Baum, ruft das Blatt verzweifelt zu den stummen Häusern hinauf.


Zeichnung: Rolf Hannes

Ich stand auf, blickte noch einmal über diesen Baum hinweg, mit diesem Blick, der alles und nichts erfassen kann, ich spürte eine kleine Brise durch mein Haar wehen, von der Sonne war nur noch ein zarter rosa Streifen zu sehen und der Himmel dem Schwarz schon näher als dem Blau. Langsam ging ich los, verließ den Stadtpark. Als ich gedankenverloren vom Boden aufblickte, war ich bereits in einer Straße und sah, wie jemand seine Jalousien langsam schloss. Ein feuchtes Blatt lag vor mir als ich wieder zu Boden blickte. Vielleicht lag es an meiner Melancholie, daran, mich verliebt und verlassen zu fühlen, dass ich das Blatt aufhob, es vorsichtig trocken rieb und in das Buch legte, das ich bei mir trug, jenes Buch mit der Geschichte von einem Blatt, das sich so sehr wünschte, fliegen zu können.

Fortsetzung folgt.

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Morgenlandreise 32

Auf meiner Bettdecke finde ich ein sehr langes schwarzes Haar, fest und glänzend. Von welcher persischen Schönheit stammst du?

Nachdem ich einige Ansichtskarten und anderen Kleinkram gekauft und ihm vorgelogen hatte, ich sei Brauchtumsforscher oder sowas Ähnliches, wurde der Buchhändler zutraulicher und gesprächiger. Wir durchforschten gemeinsam ein Englisch-Iranisches Buch über persische Bräuche . Und, da ich gerade der einzige Besucher seines Ladens war, holte er eine reichillustrierte Sittengeschichte aus einem Regal, auch sie mit englischen und deutschen Übersetzungen.

Wenn die persischen Mädchen, und nicht nur die persischen, beginnen, sich ihre Schamhaare auszuzupfen, heben sie die Härchen alle sorgsam auf, in einem dieser kunstvollen Lackdöschen. Später, mit 17, 18, knüpfen sie aus den gesammelten Haaren einen kleinen Reifen. Diesen schenken sie ihrem Geliebten, je nach Witz und Fantasie tragen sie den dann eingenäht im Gürtel oder in einem Beutelchen auf der Brust.


Wandkacheln in einem Park in Schiras

Möglich, dieser schöne Brauch ist heutzutage selten geworden, meinte der Buchhändler. Am ehesten noch wird er bei den Nomaden weiterleben, von denen es mehr als eine halbe Million rings um Schiras gibt.

Dieser Brauch ist so rührend und schön, er könnte der Inhalt einer Novelle sein, meinte der Buchhändler, etwa im Decamerone von Boccaccio. Dann haben wir die Geschichte gemeinsam fortgesponnen, oder erinnere ich das nur, um nicht in gröbsten Verdacht zu geraten? Im Verlauf streift das Mädchen ihrem Freund vor der ersten Liebesbegegnung ihren Ring aus Haaren übers steife Glied. Sehr langsam, und sie summt ein altes Liebeslied dazu, derweil seine Hand und Lippen und Zunge die Stelle liebkosen, wo die Haare einmal wuchsen.

Sie wird ein tragisches Ende nehmen, wie viele Liebesgeschichten. Zwanzig vor Zwölf, ich sage: Gute Nacht, heilige Nacht.

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die linde

wo werden wir uns treffen

da, wo die schute 22 am ufer liegt
oder an dem kondom
auf dem pflaster vor der rietzstr. 20
das dort vor sich hin rottet
bis die stadtreinigung ein ende macht

in der s-bahnstation
wenn eine diesellok offene wagons mit gesägten kiefern
durch den stadtbahnhof schleppt
und die wartenden mit dem geruch von wald betört


Zeichnung: Rolf Hannes

vielleicht unter der linde
wenn sie aus der baumscheibe vor meinem haus
den bürgersteig beschattet

morgen werde ich einen sämling pflanzen

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Traum vom Fliegen

für Alexandra

Ich stand, etwas düsterer Stimmung, im Stadtpark und beobachtete ein Blatt, das zu fallen drohte. Es war bereits verfärbt: Braun und rot und strahlte diesen merkwürdig morbiden Glanz aus, den Herbstblätter an sich haben. Die Sonne spielte diesen Farben in einer Art letzter Kraft vor dem Untergang das tödliche Aroma zu. Mich fröstelte etwas. An das Meer musste ich dabei denken, an eine Brise, die mir durchs Haar weht und an die Möglichkeit zu fliegen. Weit weg zu fliegen: Ein Schwan unter Schwänen zu sein, entlang der untergehenden Sonne. Zu fliegen und zu verschwinden, dachte ich. Vielleicht lag der Grund meiner Melancholie darin, dass ich mich allein fühlte, verliebt und verlassen. Aber ich hatte sie ja nicht gefragt, die Frau meines Herzens, aus Feigheit meine Gefühle nicht offenbart. So war ich, wie so oft in meinem Leben, allein zurückgeblieben.

Ich stand weiter vor dem Baum, dessen Blätter leise raschelten, und hatte nur Blick für das eine Blatt, das noch zart am Baum hing.


Zeichnung: Rolf Hannes

Plötzlich riss ein Windstoß es ab von seiner dünnen Bande zum Baum und wehte es davon. Es war so leicht und flog so bewegt und beinahe fröhlich wirkend in die Ferne. Dann war es weg. Jetzt fühlte ich mich, als hätte der Windstoß nicht nur ein harmloses Blatt vom Baum geweht, sondern ein Stück meiner Seele mit hinfort geblasen. Mit dem kleinen Blatt war also ganz plötzlich ein Riss in mein Innenleben gekommen, und ich spürte die Verwirrung in mir, setzte mich auf den kühlen Boden, und sah kaum die Lücke im Blattmeer des Baums vor mir, wo noch vor Sekunden das mir schon so vertraute Blatt gehangen hatte.

Fortsetzung folgt.

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Morgenlandreise 31

Es gibt kein Schiff vom persischen Golf nach Indien für mich. Only cargo.

      Im Basar von Schiras

Der Basar von Schiras ist eine labyrinthische Wunderwelt, die Farben und Gerüche der Gewürze unvergleichlich. Kostbarste Gewürze in riesigen kupfergetriebenen Schüsseln, in Säcken, manche geöffnet, und über ihr Fassungsvermögen hinaus ist die Kostbarkeit angehäufelt, als wär es nichts weiter als Zucker oder Mehl oder sonstwas Alltägliches.

In Halbrelief sind auf den Wandfliesen im Hof der Vakil Moschee Instrumente dargestellt, darunter eine Laute. Nach Europa gelangte das Instrument im 12. Jahrhundert durch die Kreuzritter.


Die Laute auf dem Wandrelief der Vakil Moschee

Die Türken haben ein sehr schönes, lautenähnliches Instrument, sas genannt.

In der Buchhandlung mit Andersens Märchen im Schaufenster war ich heute schmökern. Eine sorgfältig gedruckte Ausgabe von Sa’adis Liebesgedichten, mit wunderschönen gewagten erotischen Illustrationen aus alter Zeit mit deutscher und englischer Übersetzung. Der Buchhändler, der gut englisch sprach, konnte sich nicht genug wundern, fast hätte er mir das Buch wegnehmen wollen. Er dachte ganz richtig, ich wolle mich nur satt schauen, statt zu kaufen. Es gab Bücher von Bertolt Brecht, Sartre, Bertrand Russel, Maxim Gorki, eine Biographie über Beethoven. Ein Stück von Brecht wird in der Stadt gegeben, ich konnte nicht erfahren, welches. Ein Plakat mit dem Konterfei Brechts hängt überall aus. In den Kinos laufen meist italienische Filme.

Einmal schleppten mich ein Brüderpaar (19 und 17jährig) mit ins Kino. Es lief Einer flog übers Kukucksnest im englischen Original.*


*Hab später den Film nochmals in Deutschland gesehn. Vermutlich hatten sie in Schiras die anstößigsten Stellen geschnitten. Aber, immerhin 1978! lief ein solcher Film im Iran. Meine nachmalige Überlegung: Der Schah war damals dabei, sich und den Amis zuliebe sein Land zu westifizieren. Für die Touristen war das paradiesisch, mich inbegriffen.** Aber die Bevölkerung lehnte sich dagegen mehr und mehr auf. Und ich meine, sie hatte recht. Denn soviel ging mir später auf, eine Großzahl der Bevölkerung wurde vom Schah ausgebeutet und unterdrückt.

** Das ist ja das Dilemma vieler Länder, die sich dem Tourismus darbieten. Fürs Geld prostituieren sie sich nach allen Regeln der Kunst. Und die Touris merken es nicht in ihrer Ignoranz und finden alles klasse.

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Es lebe der Aphorismus!

Der 29. von 365


Bild: Marianne Mairhofer

Der Unternehmer ist jemand, der etwas unternimmt. Der Arbeiter ist jemand, der etwas arbeitet. Wenn der Arbeiter etwas unternimmt, muss der Unternehmer arbeiten. – Eintrag in einem Schulbuch

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Ibidumm

In Basel kletterte das Thermometer bis zu 37 Grad Celsius. Da kam das Angebot, in einem Ort im Wallis an einer Gesangswoche teilzunehmen wie eine Erlösung. Zumal für meine Lebenspartnerin Claudia; für sie ist Singen das Lebenselexier schlechhin.*

Eingeladen hatte Visperterminen, das Heidadorf, berühmt für die Rebsorte Heida, die in einer Höhe bis 1150 Meter wächst, auf dem höchstgelegenen Rebberg Europas.

Visperterminen selbst liegt 1370 Meter über dem Meeresspiegel und garantiert ein wesentlich kühleres Lüftchen als das Basler Flachland. Wir hatten also in dieser Höhe eine vergnügliche Woche.

Bei einer Wanderung an den oberhalb gelegenen Gibidumsee ist mir die Geschichte um die Ibidumm-Täfeli in Erinnerung gekommen. Dieser Kinderstreich, der mich vor 68 Jahren zum Narren hielt. Zu einer Zeit, als die Straßen, die jetzt voller Autos sind, noch für die Kinder die idealen Spielstraßen waren.

Kaum hatte ich richtig laufen und sprechen gelernt, durfte ich eines Tags allein nach draußen zum Spielen. Da suchte ich natürlich Anschluss an eine Gruppe, die von einem oder zwei der älteren Kinder angeführt wurde.

In einer der Straßen befand sich eine Bäckerei. Der geeignete Ort für die älteren Kinder den Ibidumm-Streich auszuhecken. Sie fragten: Wer geht in die Bäckerei zum Ibidumm-Täfeli holen, die sind gratis! Sehr wahrscheinlich war ich der einzige, der von den Ibidumm-Täfeli keine Ahnung hatte, da nur ich mich meldete.

Zeichnung: Kurt Meier

Laut lachend, voller Verständnis, und mit viel Herzlichkeit hat mich die Bäckersfrau über den Ibidumm-Streich aufgeklärt. Zum Trost bekam ich eine Handvoll Bonbons. Dazu die mahnenden Worte der Bäckersfrau: Die sind nur für dich.

Gleich habe ich sie zuunterst unter mein Taschentuch in meiner Hosentasche versteckt. Später, zuhause habe ich sie alle hintereinander genüsslich geschlotzt.


Ibidumm – I bi dumm, Basler Mundart für Ich bin dumm.
Täfeli, Basler Mundart – Bon Bon, Drops.
Schlotzen, vor allem im Schwäbischen für Lutschen.

* Sie singt morgens, sie singt mittags, sie singt abends. Nach Mitternacht summt sie nurmehr.

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Morgenlandreise 30

24. Dezember, am Morgen des Weihnachtsabends. Ferdausi lebte im 10. Jahrhundert, ich
glaube, Sa´adi wars, der hier geboren wurde und lebte, er hat Schiras´ Ruhm begründet. Er ist ein Zeitgenosse Walthers von der Vogelweide (12., 13. Jahrhundert), dann, im 14. Jahrhundert Hafis, die Krönung aller persischen Dichtkunst, der Dichtkunst schlechthin.

War das Mädchen, dessen Schönheit von Hafis so besungen wurde, in Schiras? Erzählen die Vögel, wenn sie so laut trällern im Garten meiner Herberge, ihre Geschichte? Ich werde mich erkundigen heute. Gestern war alles dicht. Es wäre das Geschenk des Weihnachtsabends für mich, könnte ich die Spur dieses Mädchens entdecken.


Wandkacheln in Schiras

Samarkand ist ein geheimnisvolles schönes Wort. Hat das Mädchen dort gelebt?

Soeben komme ich von einem göttlichen Morgenschiß. Auf der Klowand, in Augenhöhe, steht in großen lateinischen Versalien: LAURA. Immer wieder, wenn ich es sehe, muß ich es laut vor mich hinsprechen, LAURA LAURA, wie einen Kinderreim. Das Wort ist mit Lippenstift auf die Kacheln geschrieben. Nie hab ich etwas auf Klowände gekritzelt. Ich hab überhaupt noch nie was auf Wände oder Mauern gekritzelt, hier möcht ichs, und zwar unter Laura setzen: & TAMERLAN. Laura war die Geliebte Petrarcas, Laura war die Liebe über alles, sie war das Synonym für Liebe, wie Beatrice für Dante. Hier verfalle ich einer Tagträumerei: Tamerlan. Samarkand, Laura.  Ob Dantes Beatrice oder Petrarcas Laura je gelebt haben, weiß niemand genau. Den Namen der Geliebten preiszugeben, war nicht üblich. Sie war ein verschwiegenes, kostbares Geheimnis.

Vorhin habe ich meine dreckigen Unterhosen gewaschen und eine neue, frisch gekaufte angezogen. Ein rechtes Weihnachtsgeschenk. Die Sache steht nämlich so. Wenn ich keine Gelegenheit habe zu waschen, zieh ich reihum schon getragene Wäsche an. Sie hat sich dann in der Ruhezeit vom Tragen erholt, sozusagen luftgewaschen. Hinzukommt: Es gibt unter den getragenen Kleidern immer noch eins, das sauberer ist als das, was ich gerade anhab.

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Wunderblock 12


Zeichnung:                          Rolf Hannes

Berlin                                     Baumkrone

Während   sie    so   dasass    mit     dem
Cioran   auf    dem   Schoss,     da    ging
mir  wie  seit  langer  Zeit    das      Meer
durch   den   Kopf.     Da    klopfte     der
Monteur  feinsilbrig   an   und    meinte:
Herzlichen   Glückwunsch,    Sie    leben
noch.
  Leise weinend sah ich ihn an.   In
ein   verdammt   ernstes   Gesicht.      Sie
hätten   jederzeit   durchs  Dach   fliegen
können.
    Sie  kam  zu  mir  und   meinte
nur:   Ich   auch.    Dann  wär  ich  in  der
Baumkrone   da   hinten   gelandet.     Du
überlebst  uns  alle.

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Angst


Rolf Hannes: Federzeichnung

Ich geh mit all meinen Ängsten.
Und meine Ängste mit mir.
Ich kenne die schlimmsten am längsten.
Sie sind öfters auch mein Pläsier.

Die Ängste, sie haben auch Beine.
Ganz lang und ganz krumm und ganz schief.
Und viele, weiß ich, sind gemeine.
Sind bei mir, weil ich sie einst rief.

Die Ängste, die tun sich verkleiden.
Heißt: Manchmal erkenn ich sie nicht.
Und glaubt mir: Sie können auch streiten.
Mich nerven, das scheint ihre Pflicht.

Doch manchmal sind Ängste am schlafen.
Und schnarchen und pupsen dabei.
Die würd ich am liebsten dann strafen.
Und träume: Die hau ich zu Brei!

            Dann gibt’s Alarm, ich spür’s im Darm.
            Es liegt was quer, wird immer mehr.
            Gleich kommt die Ängste-Feuerwehr.
            Und rettet die Ängste vor Gegenwehr.

So bleibt’s mit den Ängsten wie immer.
Da gibt es nun gar kein Vertun.
Ganz sicher ist: Schlimmer geht’s nimmer.
Ich wollte, ich wäre ein Huhn.

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