Wie ein Gemälde von Picasso


Bild: Marianne Mairhofer

Als ich heute erwachte war
an meinem Körper einiges verRückt
aus der Stirn ragte die Nase wie
beim Einhorn auf den Schultern
saßen die Ohren wie
militärische Abzeichen
ein Auge oben eins unten
sowie ein schief
lächelnder Mund mit
einem Geklimper von Zähnen
und innen erst!
war mir das Herz zu Kopfe gestiegen
während tief im Bauch das Gehirn
nistete wie die Frucht
einer Schwangeren
ich wusste nicht mehr wer
ich war aber ich fühlte mich
wie ein Gemälde von Picasso

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Herr und Hund

© Klecksbildchen R. H.

Wir müssen die Sache um Frauchen und Hund erweitern. Je schöner die Frauen, die sich einen Hund halten, umso häßlicher sind oftmals die Hunde. Jemand behauptete, das läg in der Absicht, ihre Schönheit auf dem Hintergrund der Häßlichkeit des Hunds noch strahlender herauszustellen.

Ganz normale (junge, bis 70 und darüber) Frauen, also welche, die gut anzusehn sind, sich aber nicht hinter allzuviel Schminke und Schichi verunstalten, haben meistens große menschenfreundliche Hunde. Dagegen, Männer bevorzugen oft kleine, kurz- und krummbeinige Biester. Manchmal sind richtige Wadenbeißer darunter.

Jedenfalls beobachte ich: Je kleiner die Hunde, je kläffiger sind sie. Sie sind eine rechte Umweltplage. Eigentlich müßten sie mit einer Sondersteuer belegt werden.

Eine ganz spezielle Sorte sind die Schoßhündchen, meistens bei schriftstellernden und klavierspielenden älteren Damen anzutreffen. Sind sie dabei, die Menschheit zu überleben und brauchen derweil eine Sonderportion Zuneigung und Liebe? Wenn es so ist, möchte ich nichts dagegen gesagt haben.

Es gibt allerdings eine Sorte, klein, krummbeinig, intelligent, ausgesprochen menschenfreundlich, sie kläfft nur, wenn es angebracht ist. Ich meine die Rauhaardackel. Ich brauch sie nur anzusehn (im glücklichsten Fall schauen sie zurück) und sie haben meine ganze Sympathie.

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Sufi-Geschichte 28

Hinter dem Schatten


© R. H.

Hakim Sanai sagt:

Niemand weiß, wie weit es ist vom Nichts zu Gott. Solange du an dir festhältst, wirst du wandern, rechts und links, Tag und Nacht, für tausend Jahre, und dann, nach all der Anstrengung, öffnest du schließlich deine Augen. Du erkennst dich selbst, durch angeborne Schäden hindurch, umherstreifend wie ein Ochs in der Tretmühle. Aber falls du befreit bist von dir, beendest du deine Strampelei: dies Tor wird sich öffnen für dich während zweier Minuten.

Gott ist nicht bei dir, solange du festhältst an Seele und Leben: du kannst nicht beides haben, dies und das. Reinige dich für Monate und Jahre, endlos, hinterlaß dich wie tot, und wenn du das hinkriegst, erreichst du das ewige Leben.

Ohne dich – ohne dich als ein Stäubchen zu sehn, kannst du unmöglich den Grund erreichen. Das Selbst kann niemals diese Luft atmen, also geh deinen Weg ohne dich selbst.

Bleib ungerührt von Hoffnung und Angst. Für die Nicht-Existenz sind Moscheen und Kirchen eins, ein Schatten, Himmel und Hölle gleicherweise. Für den, dem Führung Liebe ist, sind Glauben und Unglauben gleich einem Schleier, der Gottes Wesen versteckt.

Ohne dein Schwert fortzuwerfen, wirst du niemals ein Schild. Nur wenn du deine Krone ablegst, bist du ermächtigt zu führen. Der Tod der Seele ist die Vernichtung des Lebens, aber der Tod des Lebens ist die Rettung der Seele.

Niemals bleib stehn auf dem Pfad: werde zum Nichts selbst für das Nichts, und wenn du beides aufgegeben hast, Eigenart und Verstehn, wird die Welt zur Welt. Wenn das Auge rein ist, sieht es Reinheit.


Hakim Sanai, berühmter persischer Mystiker, lebte in Ghazni (heute Afghanistan) von etwa 1080 bis 1141.

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Wem gehört denn das Meer?

Die Mücke landet auf seinem Knie. Fach sieht ihr bei dem Versuch zu, ihren Rüssel durch das Gewebe der Hose in sein Bein zu stoßen, um an sein Blut zu kommen. Der Stoff ist zu dick. Entspannt genießt er diesen Sieg der Zivilisation. Seine Begleiterin erzählt von Inseln, auf denen das Betreten jedes Strands kostet. Und dann habe ich die Strandkartenverkäuferin gefragt: Wem gehört denn das Meer?

Die Sonne brennt zwischen einem Versicherungshochhaus und den Aufbauten der Hausboote Frohsinn und Heiterkeit, auf denen sich im Gegenlicht müde Musiker für die Nacht dopen. Warum denkt Fach an Krabbenbrötchen?

Wie du hier herkommst? Du fährst mit der S-Bahn bis Treptower Park, gehst in Fahrtrichtung die Treppe runter und stehst in einem Quertunnel vor einer gekachelten Wand. Der auf einer Decke auf dem Steinfußboden vor dir scheint hier festzusitzen. Haste mal ein paar Cent? Neben ihm ein zusammengerollter schwarzer Haufen Hund, vor ihm steht eine kleine afrikanische Trommel als Sockel der Schale für deine Kollekte. Du zahlst für die Wahl, ob du nach links oder rechts gehst. Rechts ist Alltag. Vor der Station reihen sich internationale Bierbuden, die Illusion der Welt durch multikulturelles Fastfood. Basar von nicht gelebten Geschichten, Second Hand – Glückseligkeiten, zu lauten Beteuerungen, Dumpfheit und Rausch, dahinter die Straße. Du gehst nach links.


Zeichnung: Friedel Kantaut

Die Mücke bohrt immer noch erfolglos nach Blut. Fach bewundert ihre Beharrlichkeit. Wieviel verschwendete Zeit in einem kurzen Insektenleben. Wasser und Worte plätschern. Zeit. Ein Schwan nähert sich. Nicht echt. Tot. Sicher perfekt präpariert. Er ahnt die Silhouette des Tauchers im trüben Wasser, der das tote Tier durch den alten Fluss bewegt. Vom Ufer bewerfen Kinder den Schwan mit Brot. G7. Treffer und versenkt. Fach denkt darüber nach, die Stadt zu fluten.

Links ist Freizeit. Die Lebenshaltungskosten steigen um dreißig Prozent. Grünanlagen. Walker, Skater, Blader, Hunde, Kinder. Entblößtes Fleisch für den Sonnengott. Hautschutzfaktor Null ist Fundamentalismus. Dahinter der Fluss. Wenn Du an der Anlegestelle für die Ausflugsdampfer, dann an den Hausbooten Frohsinn und Heiterkeit und an dem gestorbenen Schwan vorbei bist, liegt ein Lastkahn im Wasser. Auf dem von der Zeit gedengelten, rostigen Bug steht Schute 22*. An Bord erhebt sich Fach und sagt: Schön, dass du da bist.


* Als Schute wird ein kleines, flaches Schiff bezeichnet, meist ohne eigenen Antrieb und ohne Takelage.

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Janus

Klecksbildchen: © R. H.

Eine unwägbare innere Macht zerrt an uns, deutlicher jetzt, als zu andern Zeiten, eine, die zurück in Vergangenes will, das uns vertraut war oder uns heute so scheint, gleichzeitig stupst sie uns vorwärts in etwas Unbekanntes, nur Erahntes, das hoffnungsvoll stimmt und gleicherweise ängstigt.

Das antike Rom erfand einen Gott für diese Zwiegesichtigkeit, für diese Hinwendung zum Vergangenen und dem Drängen zum Zukünftigen. Sie nannten ihn Janus, den Gott des Anfangs und des Endes. Er war ein sehr profaner Gott, dem keine Tempel geweiht waren. Türen und Tore, Portale und Triumphbögen gemahnten an ihn, alles, durch das man hindurchgehn konnte, vorwärts wie rückwärts.

Nur, wir entkommen dem Leben nicht: auch der Schritt zurück geschieht in der Gegenwart. Es ist die Achtsamkeit auf unsern Schritt, vor oder zurück, nur sie zählt, nur sie gilt, nur sie füllt und erfüllt unser Leben, und auch das Stolpern gehört dazu.

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Sufi-Geschichte 27

Der heilige Ausbruch


© R. H.

Der Eroberer der Liebe gehört dem, der Liebe erobert. Vergewissere dich mit Hand und Fuß der Suche, aber wenn du zum Meer kommst, hör auf, vom Fluß zu reden. Wenn du vor IHM stehst, frag nach nichts andrem als IHM. Wenn Er dich zum Freund erwählt, hast du alles gesehn, was es zu sehen gibt. Es gibt kein Zweierlei in der Welt der Liebe. Was soll all dies Gerede von du und ich?

Wie kannst du einen Becher füllen, der bereits voll ist?

Bring alles von dir vor SEIN Tor. Bring nur einen Teil von dir, und du hast nichts gebracht. Es ist dein eignes Selbst aus Glauben und Unglauben, es beschreibt unvermeidlich deine Wahrnehmung. Ewigkeit weiß nichts von Glauben oder Unglauben. Für die reine Natur gibt es kein solches Ding.

Und falls, mein Freund, du mich fragen solltest, sag ich dir’s klipp und klar, es ist so: Du wendest dein Gesicht zur Welt hin, und im Rücken hast du Rang und Ansehn, und, angespornt zum Erfolg, versicherst du dich doppelt ihrer Hilfe, machst dich gemein mit den Wortklaubern und das in Gegenwart der Wortlosigkeit.

Der Weg ist nicht weit von dir zum Freund: du selbst bist der Weg, also geh ihn weiter.

Du, der du nichts vom Leben weißt, das aus dem Saft der Traube kommt, wie lang willst du vergiftet sein vom Äußeren der Traube? Warum lügst du, du seist trunken?

Wie kommst du vorwärts? Es gibt keinen Ort, du hast keine Füße, wie willst du springen?


Diese Parabeln stammen von Hakim Sanai, berühmter persischer Mystiker, er lebte in Ghazni (heute Afghanistan) von etwa 1080 bis 1140.

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Boi soll dat nau en guudet Enge niämen?

Bat stiäket allet in düser Frooge? Dai Angest, dat ve döör use Schrapperigge user Eere diän Oom niämet un dai Bammel vüör niggen Kreygen, bann de Mensken nit uphoort hinger Laigebuils un Bescheyters inner Politik hiärtelaupen. Sind de Lüe unweys ewuuren? Bai dat vüör siek sütt, hiät et schwoor, aan en guudet Enge te gloiben. Sollten vey nöi diän Kopp hangen looten? Bey saubat kann dai Blick terügge ne graute Hilpe seyn.

Froiër gafft et auk Teyten, bo de Lüe unweys weeren konnen, weyl füär sai de Eere intestüärten dröggere. In diär Franzöisken Revolutiaun wuurten Küünig un Küünigin de Köppe aabeschlooen. Bo vüörhiär de Mensken imme Land un in diär Kiärke orndlik van uobene bit ungene uppestallt wuuren, geroo nöi allet döörnain. Dai Philosoph Immanuel Kant (1724 bit 1804), harr de Mensken upperaupen, iär Liäben sölbers in de Hänge te niämen. Doo wuuren viele nit aan ewient. Böi soll dat nau widdergooen, froogeren se siek in düser unsiekeren Teyt. Auk dai graute westfälske Dichterske Annette von Droste- Hülshoff (1797 bit 1848) hiät siek doo iären Kopp üöber terbruaken. Se schrief im Joore 1842 dat Gedicht „Der Knabe im Moor“. Dooin vertallte se van nem klainen Jungen, dai, as de Mensken doomools, mië seyner Angest terächtekuumen mochte.


Gerhard Wedepohl (1893 – 1930)

Aan nem Hiärbestnummedag, as et all schummrig wuur, machte siek ne Jungen van diär Schaule uppen Wiäg noo seynem Ellernhöis, nem Buurenhuof, dai allaine hinger nem grauten duisteren Moor lachte. Mië biebernen Knaien leep dat Kind laus, stüärtere üöber Wuarteln, leep widder, grüggelere siek vüör diän aabeschlooenen Biärken, dai iäme im Duisterweeren as Mensken oone Kopp vüörkaamen. Mensken, dai siek im Liäben schwoor versüniget harren un im Daut kenne Rugge kreygen konnen. Sau harr dat dai Junge ümmer wieer van diän Allen ehoort. Hai duckere siek. „Nai, iek well nit van uuch in de schwatte Daipe etooen weeren! O wai, de Eere unger mey bewieget siek all. Iek kann miek nit meer hallen“, joomere hai. Dicker Niebeldamp stieg öit diäm Moorwaater. Vüör diäm Kind, hinger, tieger, unger, üöber iäme söchterere’t. „Dai aarmen Sailen quiält siek in iärer Naut. Gleyk packet se miek. Iek sin verluaren“, ankere dat Kind vertweyfelt.

Up mool krieg dai Junge wieer fasten Buam unger de Föite. Hai soo seyn Ellernhöis. Lecht schien döört Küükenfenster. Dai Klaine öömere daip döör. „Nöi sin iek wier te Haime. Hey sin iek sieker“, sachte hai tau siek, as hai naumool terügge in dat duistere Moor kuckere.

Bai hiät nöi dat Kind öit seyner Naut ereddet? Borümme is et nit vam Wiäge aabekummen un ungeregooen? Bai hiät diäm Jungen diän Wiäg noo Haime ewiesen un füär en guudet Enge esuorget? Annette von Droste-Hülshoff gitt dai Aantwoort: „Wüür nit dai Schutzengel ewiäst, härren dai Torfgriäber ennen Daages dai bleyken Knuakelken van diäm Kind öitegraben.“ Sau soo dat doomools dai fruume Dichterske. Un dündaag? Sind us de Engels wiägefluagen? Faake sütt et doo öit noo. Bat nöi? Mottet ve ais wieer up de hiemlisken Dainer wachten? Krummstrau! Bann ve us giegenseytig en bietzken tau Engels maaket, kreyget ve dat mië diäm guuden Enge all hiene.


Dieser Dialekt wurde und wird im sauerländischen Städtchen Brilon gesprochen. Erst in einigen Tagen (mit Absicht) folgt die hochdeutsche Übersetzung als Kommentar.

Siehe auch den Text Uprecht gooen vom 16. Januar 2016

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Vom Kommen und Gehen der Berühmtheiten


Klecksbildchen: R. H.

Die Zeiten kommen, die Zeiten gehn. Die Menschen kommen, die Menschen gehn. Die Wissenschaftler kommen, die Wissenschaftler gehn. Die Politiker kommen, die Politiker gehn. Die Philosophen kommen, die Philosophen gehn. Es hat etwas Erschreckendes, es hat viel Tröstliches. Alles ist im Fluß, sagt Heraklit.


Siehe auch den Artikel Jean-Claude Juncker vom 23. Dez. 2014

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Sufi-Geschichte 26

Der unaufmerksame Schäfer


© R. H.

Hakim Sanai sagt:

Von IHM kommt Vergebung so schnell, sie erreicht uns noch bevor Reue unsre Lippen kräuselt. Er ist dein Hirt, und du bevorzugst den Wolf. Er lädt dich ein, und doch sträubst du dich. Er gibt dir seinen Schutz, und du schläfst. Oh, was glaubst du, du hirnloser Narr.

Er heilt unsre Natur von innen, freundlicher zu uns als wir selbst. Einer Mutter Liebe zu ihrem Kind ist nicht halb so groß, wie er sie uns schenkt. Du hast deine Treue gebrochen, doch er hält in Treue zu dir, er ist aufrichtiger zu dir als du selbst.

Er erhält deine geistige Kraft, denn sein Wissen ist unberührt vom Gang der Gedanken. Er weiß, was in deinem Herzen ist, denn Er machte dein Herz aus seinem Lehm. Aber wenn du glaubst, ER glaubt genauso wie du, dann steckst du in deinem Schlamm wie ein Esel.

In seiner Gegenwart ist Stille das Geschenk der Zunge. Er spürt die Berührung des Fußes einer Ameise, die im Dunkeln über einen Felsen läuft. Er weiß, was in eines Menschen Hirn vorgeht. Du würdest gut daran tun, dies zu beherzigen.


Hakim Sanai, berühmter persischer Mystiker, lebte in Ghazni (heute Afghanistan) von etwa 1080 bis 1141.

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Schrei


Bild: Marianne Mairhofer

Wir bemühn uns immerzu
etwas zu verstehn,
alle bemühn sich,
immerzu etwas zu verstehn.

Du bist es doch,
die auf Bedeutungsjagd geht
immerzu mit deiner
feinen elfenhaften Stimme …

Du bemühst dich um nichts,
absolut um nichts …

… um dich …
nicht
mehr …
wolltst du doch sagen …
Dann sag es doch !!
Schrei es aus dir …
Ach … aus mir …
heraus …

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