Wanderer, Läufer und Tippelbrüder Folge 4

Die Tippelbrüder einzuordnen fällt mir schwer. Denn im üblichen Sinn tippeln sie ja in den Feldern und Wäldern nie. Sie suchen sich je nach Laune am Wegesrand stehende Hütten und Unterschlupfe, ziehen dort mit ihrer Habe ein und schlafen gern bis in den späten Tag hinein. Irgendwann versorgen sie sich mit Eß- und Trinkbarem, wann aber, das entzieht sich den Blicken des Wanderers. Es gibt ja auch Tippelschwestern, sie sind rarer, aber es gibt sie. *

Wenn du in der Nähe eines solch bewohnten Häuschens etwas langsamer schlenderst, kannst du unter einem Berg von Decken und Klamotten den Haarschopf eines friedlich Schlafenden gewahren. Imgrunde ist er das genaue Gegenteil des braven Wanderers. Derweil der sich der Natur erfreut, haust und schläft der Tippelbruder ruhigen Gewissens an ihr vorbei.

Manch ein Dauerläufer beißt früher ins Gras als ein Tippelbruder oder Landstreicher, wie sie auch, etwas abträglicher, genannt werden. Ja, sie streichen durchs Land, ans Wandern vergeuden sie weniger Gedanken. Manchmal liest solch einer in seiner Behausung. Dann, denk ich mir, kann es um ihn nicht gar so schlecht bestellt sein. Einmal war meine Neugierde größer als meine Zurückhaltung und ich fragte rundweg, was er denn da lese.

Klecksbildchen: Rolf Hannes

Ich war ziemlich baff, als er sagte: Was von Lichtenberg. Von Georg Christoph Lichtenberg? Genau von dem, lese gerade einige Briefe, an ihn und von ihm. Das Buch hab ich aus einer Schachtel am Straßenrand gefischt. So was schmeißen die Leute weg.

Die Briefe kenne ich nicht, mußte ich gestehn, aber seine Aphorismen. Ja, antwortete er, die kenne ich auch. Am liebsten hätte ich mich zu ihm gesetzt, aber das schien mir doch etwas zu aufdringlich. Ich gratulierte ihm zu seiner Lektüre und ging davon, mehr meinen Gedanken nachhängend als in Naturbetrachtung.


*Die großstädtische Variante der Landstreicher hat eine Vorliebe, sich unter Brücken und in Unterführungen einzurichten.

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Morgenlandreise 26

Khorramshar

Heute, am 21. Dezember, ist der größte Feiertrag des Iran, wie mir mein Wirt erklärt. Gestern abend war die ganze Stadt angefüllt mit einem mächtigen Spektakel. Für meine mitteleuropäischen Augen geschah Unvorstellbares. Bei rhythmischem Gesang und feierlichem Schreiten zogen Männer und Jünglinge durch die Straßen, in nie endenden Massen, schlugen sich abwechselnd mal auf die linke, mal auf die rechte Schulter, gleich Geißlern des Mittelalters. An einem Holzgriff ist ein Bündel eiserner Ketten befestigt, womit sie sich Rücken und Brust blutig wundschlugen. Viele bei nacktem Oberkörper. Einige trieben es bis zur völligen Erschöpfung. Sie wurden dann ohnmächtig und blutüberströmt auf dem Gehsteig oder einem Karren notdürftig verarztet. Ich sah auch Buben sich mit einem entsprechend kleineren Folterinstrument quälen. Sie haben die ganze Aufmerksamkeit der Erwachsenen, die am Wegesrand gaffen. Am Rand trabten alte Männer mit Fackeln, die das Spektakel bühnenwirksam beleuchteten. Dank der spärlichen Straßenbeleuchtung wirkte der Spuk noch beängstigender. Jeder Schatten verzerrte sich zu Höllenbildern.


Mein Wirt, der mich auch bekochte

Manchmal strömte aus einer Nebenstraße oder Gasse eine neuformierte Gruppe, die sich dem großen Haufen anschloß, oder sie durchkreuzend einen andern Weg nahm. Alle hundert Meter wurde inmitten des großen Zugs ein Wagen mitgeführt, worauf mit buntem Neon und Flitter, altarähnlich, der Gefeierte dargestellt war. Hussein? Dahinter ging ein Vorsänger, rückwärts, um die Schar der Geißler mit kräftigem Gesang anzuspornen, ihm tausendstimmig im Wechselgesang zu antworten. Vom bloßen Zuschauen geriet ich in einen merkwürdigen Zustand von Ekstase.

Alles Volk war auf den Beinen. Die Frauen lehnten sich in ihren schwarzen Umhängen aus Türen und Fenstern. Die kleinen Kinder zündeten am Straßenrand und auf Treppenstufen Kerzchen an. Lange nach Mitternacht, als ich wie in Trance durch die Stadt ging, traf ich auf unglaubliche Bilder: vor einigen Moscheen und kommunalen Häusern riesige Blutlachen. Hatte man hier Opfertiere geschlachtet, oder waren einige Geißler so weit gegangen, daß sie in Strömen Blut verloren? Einige Männer am Straßenrand beobachtete ich wie sie hemmungslos weinten und schneuzten.

Die Leute haben die Angewohnheit, in Bäume an Straßen, die weniger dem Verkehr und mehr dem Lustwandeln dienen, kleine Holzkäfige zu hängen, in die sie allerlei gefiederte Sänger sperren. Gestern abend allerdings waren sie stumm. Heute erholen sie sich mit mir von dem höllischen Treiben. Und so habe ich, um wieder auf frohe Gedanken zu kommen, mich an einem Gedicht versucht.

Ein Baum in Khorramshar             Ein Traum in Khorramschar
voll von Vogelgezwitscher              gefüllt mit leisem Lächeln
wie wenn’s die Frucht wär              wie wenn’s die Blüten wären
dieses Baums.                                   dieses Traums.

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Worte eines seltsamen Mitfühlers


Zeichnung: Rolf Hannes

glaubt mir das bitte
ich wollte euch alle festhalten
doch ich griff vorbei und vorbei
ihr wart nicht zu schnell
und ich nicht zu langsam
ich war hier
doch ihr wart dort
dann war ich dort
und ihr wart hier
doch war es nicht der Ort
den ich hier und ihr dort
dann ich dort und ihr hier bewohnt
es war auch nicht die Zeit
obleich es schien als sei ich ein Minütchen anders
ich wollte euch alle fest halten
wie hätte ich euch da schon halten können?
ich war euch zu nah
wie hättet ihr mich fühlen können?

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Wanderer, Läufer und Tippelbrüder Folge 3

In der Wirtschaft bin ich der erste Gast an diesem Morgen. Man ist erstaunt, als ich sage, ich sei allein. Und, nein, ich habe nicht vorbestellt. Ich möchte nur frühstücken, ich komme zum erstenmal. Nur einfach frühstücken geht nicht, es gibt eine Anrichte voller Köstlichkeiten, ich darf mir von allen soviel nehmen wie ich will. Und bitte, hier ist noch eine Ecke frei, alle anderen Tische sind vorbestellt. Als erstes ein Glas Apfelsinensaft, es kommt unbestellt von allein. Dann ein Heißgetränk. Welches? Einen Milchkaffee, bitte. Alles in der Pauschale von Zwölffünfzig inbegriffen. Heute ist Sonntag und Reformationstag, da darf man nicht kleinlich sein. Und inzwischen füllen sich die beiden ineinandergehenden Gaststuben mit Großfamilien. Manche haben zwei Kinderwagen dabei und drei Hunde. Und einen Säugling noch auf dem Arm der Großmutter. Und alle, die sich bei mir vorbeischieben, wünschen mir einen guten Appetit. Es herrscht große Verbundenheit in der Berufsgruppe der Ausflügler. Sie kommen aus einer Richtung, die ihnen erlaubt, mit Autos vorzufahren. Die Brötchen sind winzig, sehr schmackhaft und noch warm. Was heißt hier winzig, du darfst dir soviel davon nehmen wie du verkraftest. Und erst von dem, was in den abgedeckten Kesseln schmort und dampft. Nein danke, ich nehme mir vielleicht noch ein Hörnchen. Und noch einen Milchkaffe bitte. Wie Sie mögen.


Zeichnung: Rolf Hannes

Ein Familienvater, er schiebt nur einen Kinderwagen vor sich her und hat nur einen Hund im Schlepp (einen riesigen weißen wohlerzogenen Labrador) und eine Frau und ein Kind, er rummst zum zweitenmal an meinem Tischbein vorbei. Er findet seinen vorbestellten Platz nicht. Er nickt mir jedesmal mit bittstellernden Augen zu. Ich würde sonstwas für ihn unternehmen, ich weiß zugut, wie ihm zumute ist.

Vierzehnzehn, sagt die hübsche, sehr zuvorkommende Bedienung, und ich erinnere mich: zwölffünfzig. Ja, bei einem Kaffee, den zweiten müssen wir extra berechnen. Aha, also fuffzehn, und beiderseits noch einen schönen Tag, und wenn Sonntag und Reformationstag zusammenfallen, kann man nicht kleinlich sein. Bei zwölffünfzig, soweit war ich vorauseilend in Gedanken, kann ich leicht auf dreizehn aufrunden. Geschickt, diese Leutchen. Ich will mich nicht knickrig zeigen und sage mit Leichtigkeit: fuffzehn. Und im Hinausgehn überlege ich: 90 Cent, das waren mal eine Mark achtzig. Das war mal ein kleiner Kaffe mit Brezel bei Edeka (stehend), war einmal. Und ging leicht auf 2 Mark aufzurunden. Geschickt, diese Gehobene Gastronomie heutigentags.

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Morgenlandreise 25

Nachhang zum Irak. Selbst die Gutwilligen, die mich nicht betrogen, gaben mir das Wechselgeld nicht zurück. Selbstverständlich setzen sie dieses Geschenk voraus, du wirst nicht gefragt. So läßt der Fremde überall das Doppelte und Dreifache.

Und doch, ich singe ein Großes Lied auf die vier jungen Männer, die mich so nah an die iranische Grenze brachten wie irgend möglich. Das ist meine Erfahrung: Das einfache Volk ist arm, oft bettelarm, und ein Reisender wie ich ist ihnen völlig unverständlich. Und ich selbst wurde mir, wenn ich versuchte, mich von außen zu betrachten, selbst unverständlich.

Die Möglichkeit zu haben, die Welt nach Lust und Laune zu durchstreifen, hat für armes Volk etwas Verstörendes, glaube ich. Zumal, wenn man so daher kommt wie ich, in einfachen Klamotten und Seesack, wie wenn ich zu ihnen gehörte. Die Vier im Wartehäuschen hatten den Durchblick, den ich in meiner Situation brauchte. Wir waren irgndwie Geistesverwandte. Nur diesem Umstand verdankte ich, aus diesem höllischen Irak heil herauszukommen. Es war der rare Augenblick glücklicher Begegnung.

Es gibt Sätze, die sind im Hirn wie Kaugummi im Mund. Zum Beispiel dieser: I want to go by ship to India, its possible? Nur, Kaugummi kannst du ausspucken, nicht so deinen Satz.

Jetzt weiß ichs. Sie alle, Türken, Iraker, Iraner nehmen kein Papier, sich den Hintern zu putzen, es sei du bist in einem mitteleuropäisch aufgemotzten Hotel mit Wasserspülung. In allen einfachen Klos stehen Blechbüchsen oder kleine Gießkannen, damit spülen sie sich den Hintern ab. Und das in der Hocke über einem winzigen Loch. Aber wie, frag ich mich. Eher könnt ichs mit einem Füllhalter, einem alten Schuh oder einer abgebrochnen Türklinke (siehe Rabelais!)


Ziegen- und Schafhirten

Ich glaube, mit den wirklichen Menschen kam ich bislang selten zusammen. Die haben sich zurückgezogen in ihre Weidegründe und Felder. Manchmal seh ich von weitem eine Hirtengruppe. Viel Vieh: Schafe, Pferde, Ziegen, ein paar Zelte. Ich wünsche mir, bei ihnen habe menschliche Würde eine Wohnstatt.

Im Irak ist die 5 ein Kreis, im Persischen wird sie durch ein auf den Kopf gestelltes Herz dargestellt. Die Null ist im Arabischen ein kantiger, auf die Spitze gestellter Punkt.

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Urbane Skizze 3

interview

er hat einen job als interviewer für die stadtverwaltung. seit sieben tagen ist er unterwegs. kalte füße, kopfschmerzen und immer wieder die selben fragen. – gefällt es ihnen hier – wohnen sie hier schon lange – wie viel verdienen sie – keine angst, das ist nur für die statistik

die menschen in diesem wohngebiet öffnen ihre tür nur einen spalt breit, um sie gleich darauf mit abwehrendem gestammel oder lauten beleidigungen wieder zu schließen. es mussten vor ihm eine drückerkolonne oder die zeugen jehovas vorbeigekommen sein.

widerwillen und ekel, es dämmert schon, er braucht noch drei interviews. die dunkelheit macht die bewohner noch misstrauischer. eisregen. er überquert die schneebedeckte rasenfläche zwischen den sechsstöckigen wohnhäusern. sein körper zieht sich vor kälte zusammen. er beeilt sich, den schützenden nächsten hauseingang zu erreichen.

die außentür ist angelehnt. zwölf wohnungen, ein schäbiges treppenhaus. wohnstadt. Die befragten sind sehr zufrieden, und er mag sie nicht.

die nächste wohnung, er läutet, wartet, geräusche hinter der tür, ein schatten am türspion, flüstern, dann stille. er wartet noch zwei minuten. – ärsche – , geht weiter. nächste tür. er klingelt. nach einiger zeit öffnet eine alte frau. – guten tag, ich mache eine umfrage…- die tür schließt sich. weiter. das flurlicht geht aus. dunkelheit. er tastet nach dem schalter.

wieder kaltes neonlicht. auf dem treppenabsatz steht eine pflanze. ein kahles gestänge, die letzten vergilbten blätter liegen auf der grauen erde. er hat rückenschmerzen. sein kopf dröhnt von so vielen sinnlosen fragen. weiter zur nächsten tür. die klingel gibt nur einen kurzen brüchigen ton. schleppende schritte nähern sich unendlich langsam der tür. ein schatten am türspion. er spürt den blick und versucht vertrauen erweckend auszusehen. sekunden werden zu ewigkeiten. dann öffnet sich die tür. Ein langer gelber flur, davor die massige dunkelheit einer sehr alten frau. leichte panik als die stimme flüstert – ich habe lange auf sie gewartet. treten sie ein, junger mann…

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Wanderer, Läufer und Tippelbrüder Folge 2


Radierung: Rolf Hannes

Eine besondere Spezies sind die Hundebesitzer. Einzelne jüngere Frauen mit schnellen wohlgeformten großen Hunden sind wahre Raserinnen. Sie wehen so schnell an dir vorbei, auch wenn sie nicht laufen, nur rüstig ausschreiten, ein Gruß wäre völlig daneben und würde nie Zeit finden, aus ihrem Mund zu schlüpfen und nie Zeit finden von dir weg bei den Ohren der Schreiterin anzukommen. Anders bei einigen älteren Paaren mit Hund. Sie müssen öfters verweilen, weil ihr Liebling gerade etwas vorhat, alles andere, als mitzutraben. So ein mittelgroßer und glatthaariger von vorhin, er wollte sich ein Stöckchen untertan machen. Einmal an diesem Ende, dann stakste er es am gegenüberliegenden in die Erde. Er wurde ganz fuchtig, sein fröhliches Gesicht kriegte einen wilden Ausdruck. Er versuchte es am anderen Ende. Fehlschlag. Er denkt nach, und jetzt sieht er aus, glatthaarig und so weißschwarz gefleckt, wie eine Holsteiner Kuh. Und latscht, das Stöckchen in der Mitte fassend, auf ein abstehendes Ästchen.


Radierung: Rolf Hannes

Ich habe meine ganze Freude an ihm. Nicht so sein Frauchen und Herrchen. Sie sind es satt, diese Extravaganzen, weil sie das alle Tage haben. Aber manche mittelgroßen und kleinen Hunde sind wie kleine und mittelgroße Kinder. Sie hängen unbeirrt ihre ganze Seligkeit in solche Umtriebe. Was ich sagen wollte: Solche Paare, wenn sie gerade mit ihrem unartigen Hund befaßt sind, haben gleichfalls keine Muße, zu grüßen und gegrüßt zu werden. Auch größere Wandergruppen nicht, wenn sie dabeisind, sich klarzuwerden, welche Abzweigung sie nun nehmen sollen und welche auf keinen Fall.

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Morgenlandreise 24

Die Grenzpolizisten auf der iranischen Seite konnten sich kaum fassen als ich daherkam. Seit Monaten gab es keinen Verkehr mehr zwischen den Fronten, beteuerten sie mir. Sie sprachen ausgezeichnet englisch, boten mir einen Kaffee an, und ich setzte mich für einige Minuten zu ihnen an einen runden Tisch. Sie waren geschniegelt wie französische Gardeoffiziere. Als ich eintrat, zogen einige ihre hochglanzpolierten Stiefel von der Tischkante.

Sie merkten bald, daß ich nicht willens und fähig war, von meinen Tagen im Irak zu berichten, und nachdem ich erfahren hatte, der nächste Bus nach Khorramshar hinein gehe erst in 3 Stunden, legte ich mich auf eine Bank und schlief, meinen Seesack im Nacken, bald wieder ein.


Shalamcheh heißt die iranische Grenzstation bei Khorramshar.

Der Irak steckte mir noch als Schrecken in den Knochen. Auf der Bank liegend hatte ich, noch bevor ich einschlief, einen Wachtraum. Von geldgierigen, krummbeinigen Unterteufeln. Sie gehören selbst unter den Teufeln zum Geschmeiß. Jeder lauert darauf, den andern übers Ohr zu hauen. Ich sah das Ufer des Tigris, der manchmal einem jauchigen Abwasserkanal gleicht. Ein Mädchen hockte in seinem schwarzen Gewand hinter einem Bottich, woraus es sich vorbei schiebenden armen Schluckern Suppe mit Bohnen drin ausschenkte.  Magisch wurd ich dort hingezogen, zu verweilen scheute ich.

In Basra ist der Tigris eine Kloake, besonders in den Seitenkanälen. Der gesamte Unrat der Welt treibt in diesem Schlickwasser, tote Hunde, Katzen, alle möglichen Kadaver. Ich sah Jungen in dieses Dreckwasser Angelfäden werfen. Das können keine Fische sein, die sie dort herausziehen. Das müssen feuerspeiende, beißende, kratzende Lemuren sein.

Ich spazierte durch ein Bild von Hieronymus Bosch: Höllenabgründe und darin ein menschliches Gesicht. Das Mädchen sah mich an: Euphrat und Tigris, Babylon, Ninive. Feuer fällt vom Himmel, der Tigris wird schwarz vor Blut, ein Drache steigt aus seinen Tiefen. Sein Rücken ist gepanzert mit toten erloschenen Augen, unter seinen Rippen fault das Getier von Jahrtausenden. Die Leute, Taxifahrer, Händler, Krüppel, Polizisten, Frauen, Kinder, sie alle sind gebannt. Obwohl ihre Augen verklebt sind mit Fliegen und sie den Drachen nicht sehen können, sie wittern ihn, wie Schakale das Aas. Sie rufen: Ja, du bist unser König.

Harun ist tot, und niemand findet sich, der den Drachen tötet. Und wieder, für hundert Jahre, bleibt das Mädchen unerlöst.

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Zukunft


Foto: Friedel Kantaut

Zukunft liegt meist in der Ferne.
Manchmal hätte man es gerne,
wenn die Zukunft näher läge.
Doch die Zukunft ist sehr träge,
lässt sich nicht von uns bewegen:
Manchmal Fluch und manchmal Segen.

Zukunft hat man – oder nicht.
Die Substanz ist luftig-dicht.
Zukunft ist auch was zum Träumen.
Zukunft wächst – nur nicht auf Bäumen.
Und im Ganzen kann man sagen:
Zukunft kommt – da hilft kein Klagen.

Zukunft schiebt man vor sich her –
oft ein Kraftakt, zäh und schwer.
Und man schiebt sie immer weiter –
lebenslang als Wegbegleiter.
Zukunft ist uns stets voraus.
Und am Ende mit uns aus.

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Wanderer, Läufer und Tippelbrüder

 


Zeichnung: Rolf Hannes

Heute, am Sonntag, einen Spaziergang durch den Wald entlang des Dreisamtals nach
St. Ottilien unternommen (der Spaziergänger auf längerer Strecke ist der gemütlichere Wanderer, sagen wir: 5 km hin, 5 zurück). Ab 10 gibt’s dort Frühstück hatte ich erfahren, und da ich heute unbeweibt bin, ging ich frohgemut auf ein sonntägliches Frühstück zu. Außerdem hat St. Ottilien den Vorzug einer wundertätigen Quelle. Du gehst durch die Kapelle, auch an Tagen, an denen der Gasthof geschlossen ist, ist sie schon frühmorgens offen, steigst durch einen modrig welkenden Raum eine Treppe ums Eck hinunter und stehst vor einem Rinnsal, das aus einem künstlich aufgehübschten Felsen rieselt. Seit vielen Jahren schon bin ich des Katholischen überdrüssig, aber mit einigen Kirchlein, Kirchen, Domen hab ich ein privates Abkommen und darf mich in ihnen der göttlichen Ruhe und Einkehr hingeben. Auf so vertrautem Fuß steh ich auch mit einigen Heiligen. Und es stimmt, ich benetze meine Augenlider mit dem Wasser der Heiligen Ottilie, und, zuhause angekommen kann ich böse Bücher besser belesen mit meinen altersmüden Augen.

Unterwegs, mir entgegenkommend oder mich überholend, die eingeschworene Schar der Wanderer und Läufer. Wie gute Bekannte verhalten sie sich untereinander, selbstverständlich mit Freundlichkeit begegnend. Nach kaum einer halben Stunde habe ich schon 9 freundliche Begrüßungen eingeheimst. Mehr als mir die Stadt in 10 Jahren zukommen läßt. Aber Obacht! Nicht sentimental werden. Es gibt Wanderer und Spaziergänger, die möchten weder gegrüßt werden noch grüßen. Du siehst es ihnen schon auf 7 Schritte Entfernung an. Sie schauen meist konzentriert vor sich hin, sie haben einfach nicht den Nerv, den Kopf zu bewegen, weil sie mit sich und der Welt anders beschäftigt sind. Oder sie sind in ein Gespräch vertieft mit ihrem Mitschreiter. Oder es ist gar ein Paar, das sich unterhält, sie schaffen einen Raum um sich, der respektiert werden will.

Wird fortgesetzt.

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