Josel und die Mischpoke

Federzeichnung: Rolf Hannes

Einmal wanderte eine Gruppe Juden von Polen nach Amerika aus. In alten jüdischen Gemeinden war es stets so: Es gab immer einen Dorfweisen und immer einen Dordeppen. Damit die Dinge im Gleichgewicht sind. Wenn das Dorf einen Weisen hat, braucht es auch einen Idioten. Wie sollte es sonst ausgeglichen sein?

Selten, aber manchmal geschah’s auch, daß es der gleiche war – der Weise und der Idiot. Dann ist der Weise vollkommen. Dann ist nicht nur das Dorf, sondern der Mann selbst ausgeglichen. In unsrer Geschichte verhielt es sich so.

Der Dorfdepp, oder du kannst ihn den Dorfweisen nennen, hieß Josel. Auch er reiste mit der Gemeinde aus. Nach dem dritten Tag kam ein großer Sturm auf. Es war lebensgefährlich. Jeden Augenblick konnte das Schiff untergehn. Es herrschte Chaos, der Kapitän schrie seine Befehle, die Matrosen ließen die Rettungsboote ab, Kinder schrien, Frauen weinten. Die Reisenden irrten über Deck, völlig durcheinander und verängstigt. Es war ein Höllenlärm. Nur Josel war in stiller Freude. Lächelnd beobachtete er alle. Das alles machte ihm Spaß. Ein Weiser braucht sich nicht zu rechtfertigen. Er kann es sich leisten, ein Idiot zu sein.

Ein alter Mann des Dorfs schalt Josel: Das geht zu weit. Das Schiff sinkt. Was machst du? Du freust dich? Josel sagte: Warum bist du so aufgebracht, Onkelchen? Gehört das Schiff dir?

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Man könnte


Bild: Marianne Mairhofer

Man könnte

Man könnte wohl
wenn man alles ließe
wie es ist
wenn die Sonne schiene
irgendwann
ganz einfach
glücklich sein

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überBlick


Holzschnitt: Rolf Hannes

überBlick

Mit den Jahren wurde mir klar, daß, wenn ich eine Hausnummer auf der
linken Straßenseite suchte, ich über die rechte schlendern mußte, sonst
fehlte mir der überBlick.

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Der Himmel über Friedrichshof 4. Folge

Wir bekommen die Speisekarte. Auf den ersten drei Seiten stehen 4- und 5-Gänge-Menüs zwischen 59 und 65 Euro. Die letzte Seite bietet 2 – 3 Vorspeisen, drei Suppen und fünf Fleischspeisen, die alle etwas exotisch klingen. Offensichtlich sollte man sich auskennen mit weißen Nierndln oder eine Fledermaus, nachdem ich davon ausgehe, dass hier im Burgenland nicht tatsächlich Fledermäuse auf dem Menüplan stehen. Ich fühle mich etwas fehl am Platz.

Ich frage, ob ich vom vegetarischen Menü auch eine einzelne Speise bestellen kann, was bejaht wird. Ich frage nach einer mir völlig unbekannten Speise in der Abfolge und erfahre, dass dies ein Getränk ist. Als ich weiterfrage, was von den angeführten Speisen warm ist, wird es komplizierter. Der gefüllte Spitzpaprika sei wohl doch warm, zumindest ein wenig, sie werde mal fragen, ist die Auskunft von der Kellnerin mit ungarischem Akzent. Sie kommt zurück, um zu bekräftigen, dass es eine Warmspeise ist. Meine Freundin bestellt eine Suppe. Ich den Spitzpaprika. Die Kellnerin entfernt sich mit einem überlauten Seufzer. Schon während des Wartens beschließen wir, danach abzureisen und woanders weiter zu speisen. Der dünne, spitze, rote Paprika wirkt auf dem normalgroßen Teller, der aus grauer dicker Keramik besteht, etwas verloren, und da der Teller nicht vorgewärmt war, hatte die Paprika auch wirklich keine Chance, sehr warm zu bleiben. Lauwarm ist die beste Beschreibung und die erste Auskunft der Kellnerin die wahre. Sowohl die Suppe meiner Freundin als auch mein Spitzpaprika, gefüllt mit Cous-cous auf Melanzanimus, schmecken ausgezeichnet. Allerdings verstehe ich danach den Wunsch nach einem 4-5-gängigen Menü. Die Einzelbestellung hatte offensichtlich keinen Einfluss auf die Größe der Portion. Auf den Preis, kam mir vor, aber doch.


Bild: Marianne Mairhofer

Die Frau, die später mit ihrem Mann an den Nebentisch kommt, merkt an, dass es ab morgen (also ab Montag), wohl wieder kleinere Speisen geben werde, so wie im letzten Jahr. Sie bestellt dann beim Kellner Nudeln mit Tomatensoße. Diese könnten länger dauern, merkt der Kellner an.

Ich brauche Kohlehydrate, ich muss ja noch durchhalten, sagt sie. Offenbar Seminargäste, die gerade Mittagspause haben.

Wir finden in der Speisekarte ein Infoblatt des Hotels über den Friedrichshof, wo wir erfahren, dass bereits 1890 Erzherzog Friedrich auf dem Areal einen Gutshof errichten ließ, worauf wohl der Name zurückführt. Und die spätere Kommune aus renovierten Gebäuden von damals und weiteren neuerbauten von 1972 – 1992 bestand. Und wir hier sitzen im Speisesaal in einem Teil des früheren Versorgungshauses.

Beim Verlassen des Grundstücks beschäftigt uns noch der Turm, der Teil des Versorgungshauses war und heute Teil des Hotels ist. Von dort hat man wohl einen guten Überblick über das gesamte Areal. Bei den späteren Recherchen erfahre ich im Internet, dass im Turm die Zimmer für die Obersten waren, also die Menschen, die Otto Mühl am nächsten standen, oder von ihm ausgewählt wurden.

Außerhalb des Areals befindet sich der Gästeparkplatz, danach und rundherum soweit das Auge reicht Ebene mit Feldern und eine ganze Menge an Windrädern. Die völlige Abgeschiedenheit ist ein nicht zu übersehendes Merkmal des Friedrichshofs.

Das Wissen, welches ich nicht abschütteln will und kann, bringt in das vermeintlich Paradiesische etwas Gruseliges und lässt mich so lange nicht los, bis ich das Areal verlasse. Und es wirkt weiter nach. Das Gefühl, dass sich seit Jahren eingestellt hat, immer wenn mich die Frage beschäftigte, ob ich ein Seminar am Friedrichshof besuchen möchte, ist nicht mehr nur etwas aus der Ferne Empfundenes, an dem ich schon zu zweifeln begonnen hatte. Jetzt habe ich für mich die absolute Bestätigung: es ist mir nicht möglich, dort ein Seminar frei zu genießen. Mein Wissen um die Geschichte und, nach meinen heutigen Recherchen, auch die Unklarheiten, die es offiziell immer noch gibt, sowohl zu dem, was dort genau passiert ist, aber auch zu den jetzigen Verwaltungsangelegenheiten, bewegen mich dazu, den Himmel lieber außerhalb der Friedrichshofmauern zu genießen.

Weitere Quellen:

http://www.friedrichshof.at/
http://sammlungfriedrichshof.at/ http://www.familierockt.com/ottomuhl/https://www.vice.com/de_at/article/zn8jjy/otto-muehl-kommune-friedrichshof-interview-hatschepsut
http://diepresse.com/home/leben/mensch/4635490/Claudia-Muehl_Wir-haben-die-staerksten-Tabus-verletzt

Ende

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Traumkind


Bild: Marianne Mairhofer

 Mit einem Satz
erwacht ein Traum
aus einem Traum
ein Satz
du spürst ihn kaum
und nimmst im Leben platz

Du bist erwacht
und müde blind
du bist ein Kind
aus einem Traum gemacht

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Eine Botschaft


Holzschnitt: Rolf Hannes

Jemand, neben mir stehend wie ein zweites Ich, verschnürt ein
Päckchen mit einer geheimen Botschaft darin und vertraut es
einem Gewässer an.

Irgendwo in der Ferne, sehr weit weg, entschlüsselt ein Dritter diese
Botschaft, und erst in seiner Rückmeldung (wir können diesen
Finder sehn, wie wenn er vor uns stünde) bekommt die Botschaft
ihren Sinn.

Die Rückmeldung geschieht auf einer telepathischen Achse, es gibt
kein Sehen im üblichen Sinn, es ist eine Empfindung.

Dieser Dritte ist gewissermaßen ein Teil von uns beiden, er wohnt
hinter unsrer Stirn.

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Der Himmel über Friedrichshof 3. Folge

Es geht mir nicht um Moralisches oder ein Tabu bei den Bildern und den Filmen. Jedem steht frei, was davon er, sie anschauen will und was nicht. Mich beschäftigt einerseits, dass es Otto Mühl nicht gelungen ist, seine Persönlichkeitsstörung vollständig in der Kunst auszuleben. Andererseits, wer daran interessiert ist, ihm immer noch ein Denkmal zu setzen und welche Künstler weiterhin mit seinem Namen verbunden bleiben möchten. Nicht deutlich deklariert wird, welche Verbrechen Otto Mühl begangen hat. Der Wikipedia-Eintrag: „1991 wurde Otto Muehl in Österreich wegen Kindesmissbrauchs und Verstoßes gegen das Suchtgiftgesetz zu sieben Jahren Haft verurteilt.“ wirkt auf mich mickrig und verharmlosend. Auch auf der Friedrichshofhomepage ist es fast nicht möglich, Fakten zu erfahren. Die Betonung liegt auf Ort mit weitem Horizont, Entfaltungsort für Freigeister. Unter Werte und Geschichte wird ein Ideologiefreier Wohnort betont und wiederholt, was auf anderen Seiten schon zu lesen ist. Unter siehe Geschichte befinden sich einige Jahreszahlen und die Bemerkung: Die Kommune begründete ein alternatives Gesellschafts- und Lebensmodell. Und einige Zeilen weiter: Nach einer Phase der Umorientierung wurde der Friedrichshof zu einem beliebten Wohn-, Arbeits- und Seminarort.

Das Weiterklicken auf Kommune bringt eine lange Abhandlung über die Schwierigkeiten, wie sie sich organisieren konnte, vor allem auch die finanziellen Schwierigkeiten. Auf der vierten von fünf Seiten finde ich dann den Satz, der in Wikipedia zitiert ist und weiter „…dass Muehl in den späteren Kommunejahren zunehmend ein Doppelleben geführt hatte. Neben dem öffentlichen, verantwortungsvollen Kommunevorstand und charmanten Gastgeber für prominente Besucher aus der Kunstszene kamen privater Drogenmissbrauch und schwerwiegende sexuelle Übergriffe zum Vorschein.“

Zwei Absätze weiter findet sich das Bekenntnis „…untersuchen, wie eine anarchistisch-libertäre Gruppe im Lauf von zwanzig Jahren in ein autoritäres System kippen konnte.“ So das Ende des Artikels von Peter Schär 2015 (Quelle: http://www.friedrichshof.at/z/File/Kurze-Geschichte-der-Kommune-Friedrichshof-Fassung-2015. Betont werden wiederum die tollen Vorzüge des Friedrichshofs fünfundzwanzig Jahre später.)


Bild: Marianne Mairhofer

Eine deutliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Friedrichshofs ist wohl bisher noch nicht passiert und wäre dringend notwendig. Damit ähnliche Verbrechen unter allen möglichen Deckmänteln in Zukunft weniger Chancen haben, müssen Menschen darüber nachdenken und auch wissen, wie sie sich davor schützen können.

Unser Plan beim Betreten des Areals war, alles anzuschauen und zum Abschluss das Mittagessen zu genießen. Querfeldein suchen wir einen Weg zum Hotel zurück. Dabei treffen wir auf eine weitere Frau und einen Mann.

Dort angekommen, sind die ersten beiden Räume übervoll und es gibt keinen Platz mehr. Sofort beim Eintreten wird klar, hier ist alles etwas nobler. Im hinteren Raum sitzen wir anfangs mit einem Pärchen am Nebentisch alleine. Später kommt ein zweites Paar dazu.

Wird fortgesetzt.

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Die Zeit


Foto: Klaus Ender auf seiner zeitlosen Insel Rügen

Ein großer Wunsch der Menschheit wär‘,
man brächt‘ ein Zeiten-Drehrad her.
Die schönsten Stunden blieben stehn,
die schlechten würden schneller gehn.

Der Rest der Menschheit würd verrückt,
weil ständig seine Uhr nun rückt,
mal geht sie vor, mal bleibt sie stehn,
die Echtzeit wäre nie zu sehn.

Was hindert uns daran, ihr Leut‘
die Uhrzeit zu vergessen,
die Steinzeitmenschen seinerzeit,
hab’n Uhren nie besessen.

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Vom Sehen


Holzschnitt: Rolf Hannes

Wahres Sehen, sagte mein nächtlicher Nachbar,
geschieht mit geschlossenen Augen.

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Der Himmel über Friedrichshof 2. Folge

Weiter geht es zu den beiden anderen Ausstellungsräumen der Wiener Aktionisten. Im ersten Raum Otto Mühl und Günter Brus. Augenscheinlich beschäftigt mich eine Bleistiftzeichnung mit halbem Torso, der zwei Penisse hat. Eine andere daneben, eine Figur sitzt auf einem Priester oder Bischof. Texte, mit Schreibmaschine getippt. Ich lese nur Satzfetzen … Träume … sexualisierte Szenen … Genauer mag ich es nicht lesen. Ein Bild vom Papst. Kleinere Bilder. Eines mit einem Kreuz, darauf Jesus, wie ein Hampelmann mit Titel Hampelchrist.

Im zweiten Raum Herman Nitsch, Rudolf Schwarzkogler, Brus und Mühl. Schüttbilder von Nitsch, schon hinlänglich bekannt. Eine Installation mit zwei Gewändern von Priestern auf einer riesigen Jutefläche. Eine ganze Wand mit schwarz/weiß-Fotografien von einbandagierten Köpfen, Körpern, die sich auf der Erde verkrampft winden,…

Ich möchte mir den Videoraum von Nitsch gar nicht ansehen, weil ich denke, eh das, was man schon kennt und gesehen hat. Unsere Begleiterin meint: Das sollten sie sich anschauen, die meisten sind überrascht. Also gehen wir hinein. Und tatsächlich ist die Installation an und für sich überraschend. Vier große Videowalls, die mit Mustern und Farben animiert sind. Dahinter laufen teilweise bekannte Nitsch-Szenen. Nach einigen Minuten gehen wir raus, weil es einfach zu viele Eindrücke gleichzeitig sind.


Bild: Marianne Mairhofer

Ein kurzes Video von Schwarzkogler, etwas über eine Minute. Vermutlich er, geht weiß bekleidet mit schwarz gemaltem Strich vom Scheitel hinunter, was nach einer zweigeteilten Person aussieht, mit anderen (gekleidet mit Uniform und Kappe) herum, vermutlich durch Wien.

Dann das Mühl-Video. Es würde sieben Minuten dauern. Nach zwei Minuten verlassen wir etwas angeekelt den Raum. Unsere Ausstellungsfrau meint: Das ist für viele immer noch harte Kost. Es ist für mich nicht klar, ob diese Aussage auch ihrer Wahrnehmung entspricht, oder ob sie uns nur mitteilen möchte, dass sie verstanden hat, dass es uns zu heftig war, weil wir es nicht bis zum Ende angeschaut haben. Ich sage im Vorbeigehen: Ich muss mir nicht alles anschauen, ich schau mir einfach nicht mehr alles an. Sie erwidert nichts.

Zum Abschluss sehen wir noch das einminütige Video von Brus an, das so unspektakulär ist, dass ich es nur eine Stunde danach nicht mehr im Kopf hab, weil es von dem Mühl-Video überlagert ist: Ein Finger bohrt sich durch einen Stoff/eine Frucht, keine Ahnung. Dieser wird zuerst angemalt, mit etwas, das wie Nagellack aussieht. Allerdings wird die gesamte Fingerkuppe angemalt. Man kann vermuten, dass die Farbe rot war. Der Film ist jedoch nur schwarz/weiß. Danach leert jemand Zähflüssiges über den Finger (Honig?), anschließend noch etwas weißes (Joghurt, Schlagobers?). Lippen nähern sich dem Finger. Der Mund bewegt sich auf und ab, mit dem Finger darin. Mehr will ich, wollen wir nicht sehen.

Wird fortgesetzt.

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