Sufi-Geschichte 33

Kabir sagt:

Freund, sag mir, was ich tun kann, um die Welt anzuhalten und sie auszubessern.

Ich entledigte mich genähter Kleider und trug ein wallendes Gewand, aber ich bemerkte eines Tags, die Gewänder waren gut gewebt. So kaufte ich ein Sackkleid, aber ich drapierte es vornehm über meine linke Schulter. Ich entwöhnte mich sexueller Verlangen, und nun entdeckte ich eine Menge Ärger in mir. Ich zügelte die Wut, und nun bemerkte ich, daß ich dem Geiz verfalle.


© R. H.

Ich arbeitete hart, den Geiz loszuwerden, und nun bin ich stolz auf mich. Wenn der Verstand wünscht, sich von der Welt abzukehren, hält er doch an einem Ding fest.

Hör zu mein Freund, sehr wenige finden den Pfad.


Kabir (1440 Varanasi – 1518 Maghar), indischer Mystiker, der sich nie in eine religiöse Gruppe eingeordnet hat. Er war muslimischer Herkunft, seine Unterweisungen enthalten viel Sufisches, darum reiht futura99phoenix ihn ein in die Sufi-Geschichten. Geschichten heißen sie nur der Einfachheit halber. Es sind keine Geschichten im herkömmlichen Sinn (das gilt auch für viele der vorausgegangenen), vielmehr sind es Aussprüche, die über Jahre von Schülern gesammelt und aufgezeichnet wurden.

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kommste zurecht?


Bild: Marianne Mairhofer

und noch was neues Alter (kommste zurecht hihi)
also seiendhalben, wollt ich vorhin sagen

denn damals hab ich geglaubt, sie seien mir voraus
weil sie denken können

NEIN, sie konnten nur viel besser in den Arsch
des Meisters kriechen

beim Ausschlüpfen wurde ihr Denken unheimlich groß
und braun

Ich treib mir immer nach

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Sprache

Wer eine Kultur zertsören will, fange mit der Zerstörung ihrer Sprache an.
Fritz Salter 1894

Wir werden es nicht so kraß sagen wie F. S., um zu wissen wie der schleichende Verfall einer Sprache sich in die Hirne und Herzen der Leute schleicht. Ein kleiner Rundgang in Freiburg genügt um zu erfahren, wie geschickt und hinterfotzig (würden die Bayern sagen) das Einträufeln geschieht.


Erst ruinieren unsre ungebildeten Politiker die Grammatik, das Übrige besorgen die Händler.

Jegliche Größen und alle Wege sind offen für jeglichen Schwachsinn. Siehe auch die Beiträge, die futura99phoenix unter der Rubrik Sprache veröffentlicht hat.

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Sufi-Geschichte 32

Es ist Morgen, Schwan, wach auf!

Kabir sagt:

Schwan, ich würde es begrüßen, wenn du mir deine ganze Geschichte erzähltest. Wo du zuerst auftauchtest und durch welch dunklen Sand du schlurfst, und wo du nachts schläfst, und worauf du wartest.

Es ist Morgen Schwan, steig in die Lüfte. Folg mir! Ich weiß von einem Land, das sich aus geistiger Flachheit nichts macht noch dauernder Niedergeschlagenheit. Und diese Lebendigkeit fürchtet sich nicht zu sterben. Dort sprießen die Wildblumen durch den belaubten Boden und der Duft von ich bin Er erfüllt den Wind. Die Biene des Herzens steckt tief in der Blume und ist um nichts anderes besorgt.

© R. H.

Geh nicht außerhaus, um Blumen zu sehn, mein Freund, sei unbekümmert eines solchen Ausflugs. Bei dir drinnen sind Blumen und eine Blume hat tausend Blütenblätter. Das reicht, um sich einen Platz zum Ausruhn zu suchen. Dort sitzend wirst du eine Ahnung haben von der Schönheit in dir und außerhalb deiner, bevor es Gärten gab und nachdem es Gärten gegeben haben wird.


Kabir (1440 Varanasi – 1518 Maghar), indischer Mystiker, der sich nie in eine religiöse Gruppe eingeordnet hat. Er war muslimischer Herkunft, seine Unterweisungen enthalten viel Sufisches, darum reiht futura99phoenix ihn ein in die Sufi-Geschichten. Geschichten heißen sie nur der Einfachheit halber. Es sind keine Geschichten im herkömmlichen Sinn (das gilt auch für viele der vorausgegangenen), vielmehr sind es Aussprüche, die über Jahre von Schülern gesammelt und aufgezeichnet wurden.

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Auf einer Vogel-Weide


Zeichnung: Rolf Hannes

Dass uns der Winter geschadet hätte
Heißt es. Es heißt auch: überall
Und dass früher viele Stimmen
ihren so genannten lieblichen Hall fanden
Ach früher
hätten angeblich auch die Mädchen auf der Straße
den Ball geworfen
Wohin?
Sich in die Arme werfend selbst und Ball?
Dadurch sei der Schall
der Vögel wiedergekehrt
genauso, als könnte man die Winterzeit einfach verschlafen
Aber das wurde von jeher bezweifelt
Die meisten liegen doch wach und fühlen Hass, Neid
Und diese Gewalt breit und weit
Tja: Wir wissen alle, dieser Winter wird seinen Streit verlieren
Und wir pflücken Blumen
wo eben noch kalter Reif den Boden ätzte

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Das haarige Thema mit den Haaren

 


Klecksbildchen: © R. H.

Ganz kurz, halblang und ganz lang, gezopft, gekringelt, gekräuselt, geringelt, gestupft, gekorkenziehert, in Blond, in Rot, in Braun, in Grau, gescheckert, gesträhnt, gewellt: für Frauen gibt es eine unausschöpfbare Vielfalt, die Haartracht zu verschönern.

Was ist mit den Männern? Viele tragen jetzt unter der Nase mehr Haare als darüber. In einigen männlichen Köpfen kann man sich spiegeln. Unter nicht wenigen hat sich ein Haarschnitt eingebürgert, der an die Zeiten des Sklavenhandels erinnert oder die Verunstaltung, die man Knastbrüdern aufzwang. Bei den Nazichargen gab es auch diesen Sensenschnitt, der an den Seiten des Kopfs nurmehr die Ohren stehenließ. Ein Haarschnitt, der mir wie ein Syndikatsverbrecherschnitt vorkommt. Türken haben eine besondere Vorliebe für diesen Haarschnitt. Schon bei den kleinen Buben wird er eingeübt, kleine Rammbockköpfe.

Ach, wenn in den Köpfen wenigstens nicht dieser geistlose Gleichschnitt herrscht, sollte ichs zufrieden sein.

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Sufi-Geschichte 31

Von der Musik, die keiner Finger bedarf

Kabir sagt:

Tief drinnen im Haus verwirrende Musik. Hast du die Musik gehört, woran keine Finger rühren? Was macht es Sinn, dein Haus zu verlassen.

Angenommen, du schrubbst deine ethische Anständigkeit bis sie glänzt, aber in ihr ist keine Musik, was dann?


© R. H.

Mohammeds Sohn brütete über Wörter und fand heraus dies und das. Aber wenn sich seine Brust nicht vollgesogen hat mit Liebe, was dann?

Wenn der Yogi daherkommt in seinem großartigen Orange, aber er inwendig farblos ist, was dann?

Kabir sagt: Jeden Augenblick des Sonnenaufgangs, ob ich im Tempel stehe oder auf dem Balkon, auf den heißen Feldern oder in einem mauerumgürteten Garten, hab ich eine Liebesgeschichte mit meinem LORD.


Kabir (1440 Varanasi – 1518 Maghar), indischer Mystiker, der sich nie in eine religiöse Gruppe eingeordnet hat. Er war muslimischer Herkunft, seine Unterweisungen enthalten viel Sufisches, darum reiht futura99phoenix ihn ein in die Sufi-Geschichten. Geschichten heißen sie nur der Einfachheit halber. Es sind keine Geschichten im herkömmlichen Sinn (das gilt auch für viele der vorausgegangenen), vielmehr sind es Aussprüche, die über Jahre von Schülern gesammelt und aufgezeichnet wurden.

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Untergrund

Wenn statt des Sandmanns der Eismann kommt,
geht statt der Sonne ein Pflasterstein auf.

Ich habe drei Zuhause:
Rausch, Rausch, Rausch.

Sucht!
Zuflucht!
sucht
Zuflucht!


Bild: Rolf Hannes

Die Wirklichkeit wie einen Vorhang beiseiteschieben,
um sich vom Grass beim Wachsen belauschen zu lassen,…

…,und wenn ich drei Wünsche frei hätte,
dann Geld, Geld, Geld,
den Rest schaff ich schon allein.

Mein Leben ist eine Untergrundbahn,
die immer voller wird und niemals ankommt.

Ich habe drei Zuhause:
Rausch, Rausch, Rausch…….

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Rußland

Wir haben alle bewußt oder unbewußt an Rußland ein Unrecht getan und tun es noch heute. Ein Unrecht an Nichtgenugwissen, Nichtgenuggerechtsein. Denn wie es erklären, daß wir alle zehnmal in Paris, zehnmal in Italien, Belgien, Holland, daß wir in Spanien und im Norden gewesen sind und aus einem törichten läßlichen Hochmut nie einen Blick ins Russische getan?

Jedenfalls haben wir allzulange die ungeheure Vielfalt der russischen Leistung nachlässig aus unserem Blickfeld gelassen -, eines der genialsten und interessantesten Völker der Erde.

Wieviel hat uns dieser westliche Hochmut gekostet, denn wie wenige sind heute unter uns im geistigen Europa, die aus eigener Anschauung und Erfahrung dieses neue Rußland mit dem alten gerecht zu vergleichen wissen.

Die Hälfte aller Urteile über das gegenwärtige Rußland sind heute leider Vorurteile, das heißt vor das eigene Blickfeld geschobene starre Standpunkte, die andere Hälfte Nachurteile, will sagen, anderen nachgeredete Meinungen.

*

Stefan Zweig veröffentlichte diese Notizen 1928, nachdem er monatelang Rußland bereist hatte. Bis heute haben sie ihre Gültigkeit bewahrt. Seinerzeit war er einer der berühmtesten Schriftsteller Europas. 1934 floh er vor den Nazis nach England und schließlich nach Brasilien, wo er sich 1942 mit seiner Frau das Leben nahm.

Die Erstausgabe von Zweigs Schachnovelle

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Sufi-Geschichte 30

Wach auf, wach auf, wach auf!


© R. H.

Kabir sagt:

Freund, wach auf! Warum schläfst du noch? Die Nacht ist vorbei – möchtest du den Tag auf gleiche Weise vertun? Anders die Frauen, die morgens früh aufstehn und einen Elefanten finden oder einen Edelstein. Vieles hast du verpaßt, derweil du schliefst. Und es war so unnötig.

Kabir sagt: Die einzige wache Frau ist die, die die Flöte gehört hat.

Der Eine, der dich liebt, verstand, aber du nicht. Du vergaßt einen Platz bereitzuhalten neben dir im Bett. Stattdessen verplemperst du dein Leben. In deinen Zwanzigern bist du nicht gewachsen, weil du nicht wußtest, wer dein Lord war. Wach auf! Es gibt niemanden in deinem Bett, er verließ dich während der langen Nacht.

Ich tändelte 10 Jahre lang mit gleichaltrigen Mädchen, aber nun erschrecke ich plötzlich. Ich klettere einige Stiegen hoch – sie sind hoch. Jedoch muß ich meine Angst fahren lassen, wenn ich Anteil haben möchte an Dieser Liebe. Ich lege meine Gewänder ab und treffe ihn in voller Größe meines Körpers. Meine Augen haben diesmal die Liebeskerzen zu sein.

Kabir sagt: Männer und Frauen in Liebe werden dieses Poem verstehn. Was du fühlst für den Einzigen ist nicht Sehnsucht, warum solltest du dich damit abgeben und deine Zeit vertun mit Schminken der Lider.


Kabir (1440 Varanasi – 1518 Maghar), indischer Mystiker, der sich nie in eine religiöse Gruppe eingeordnet hat. Er war muslimischer Herkunft, seine Unterweisungen enthalten viel Sufisches, darum reiht futura99phoenix ihn ein in die Sufi-Geschichten. Geschichten heißen sie nur der Einfachheit halber. Es sind keine Geschichten im herkömmlichen Sinn (das gilt auch für viele der vorausgegangenen), vielmehr sind es Aussprüche, die über Jahre von Schülern gesammelt und aufgezeichnet wurden.

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