Es lebe der Aphorismus!

Der 274. von 365


Foto: Friedel Kantaut

Der Lockruf der toten Dinge besteht aus fauligen Pheromonen. Die Depression der Hegemonie basiert auf ihrer wirklichen Anstrengungslosigkeit, einer Wohlfühl-Falle, die uns jetzt die Muskeln quetscht, bis das Kalium ins Blut gerät und unser Herz zum Stillstand bringt. Oder knapper, prosaischer formuliert: Der Kapitalismus ist ein großes Möbelstück unter dem wir begraben liegen.

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Das letzte Steindruckplakat Folge 2

Im letzten Schuljahr durften wir uns an einem Linolschnitt versuchen, das Thema war Der Zoologische Garten. Von diesem Linolschnitt hatte ich noch einen Abzug, den brachte ich dem Personalchef. Zeichnungen hatte ich keine dabei, die wollte meistens mein Lehrer behalten. Das schmeichelte mir, so ließ ich sie ihm gern.

An den darauf folgenden Tagen habe ich mich an verschiedenen Orten über den Beruf des Handlithographen erkundigt. Die Antworten waren alle entmutigend. Den Beruf des Handlithographen gibt es nicht mehr. Die meisten Steindruckereien haben aufgegeben oder haben sich auf Offsetdruck umgestellt.

Der Ratschlag, ich solle ja nicht diese Lehre beginnen, bestärkte mich erst recht in meinem Wunsch, diesen Beruf erlernen zu wollen.

Ausschlaggebend war auch die Aussprache mit dem Kunstmaler Ernst Wolf, ein Freund meiner Mutter. Öfters auf Besuch bei ihm, durfte ich in seinem Atelier malen und zeichnen. Er sagte mir, die Ausbildung zum Handlithographen sei sehr anspruchsvoll, ich würde dabei viel lernen, sie sei vergleichbar mit einer Ausbildung an einer Kunstakademie. Also haben ich und mein Vater den Lehrvertrag unterschrieben.

Am 20. April 1961 bin ich um 7 Uhr morgens in der Abteilung der Handlithographie in der Druckerei Wassermann eingetroffen. Der erste Satz meines zukünftigen Lehrmeisters Werner Nänny war: Kurt, Sie werden in den folgenden vier Jahren nie ein Lob von mir bekommen. Nach dieser Begrüßung zeigte er mir meinen Arbeitsplatz und hielt einen Vortrag über sein vierjähriges Lehrprogramm. Ein strenges Programm, davon mindestens zwei Jahre nur Schriften schreiben und zeichnen. Vor allem seinen Leitsatz werde ich nie vergessen. Dies war genau die Aufmunterung, die ich gebrauchen konnte. In der Gewerbeschule galt es den spöttischen Satz zu verdauen: Sie müssen ja ein hervorragender Zeichner sein, wenn Sie eine Handlithographen-Lehrstelle bekommen haben.

Das letzte Plakat der Fa. Wassermann in Basel, das auf einer Schnellpresse gedruckt wurde, Foto: Kurt Meier

Etwa nach einem Monat wusste ich wenigstens in groben Umrissen was ein Handlithograph ist und was er zu tun hatte. Liebe Leser, ich hab nicht den Nerv, hier die ganze Plackerei der Ausbildung eines Handlithographen aufzulisten. Jedenfalls, stur wie ich war (und bin) hielt ich meine 4 Jahre durch. Nur soviel: Am Ende meiner Lehrzeit war es endgültig aus und vorbei mit aller kommerziellen Handlithographie.

Einen Triumph aber möchte ich hier abschließend in die Welt setzen: Kurz nach meiner Probezeit durfte ich beim letzten Plakat, das in der Fa. Wassermann auf einer Steindruck-Schnellpresse gedruckt wurde, dabei sein.

Ende

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Morgenlandreise 22

Die Nacht war hereingebrochen, ich lief geradenwegs auf den Horizont zu, mich an einem Stern orientierend. Schon lange gab es keine deutlich zu unterscheidenden Merkmale mehr, weder Häuser noch Sträucher, noch Bäume. Vor mir leuchteten einige Lichter auf, sie gaben mir die Richtung vor.

Angelangt an der Grenzstation, muß ich ausgesehen haben wie ein aus Lehm gebackner Außerirdischer. Hunde jaulten in der Finsternis. Niemand wollte etwas von mir, niemand sprach mich an. Jemanden wie mich mußte man erst einmal in Ruhe lassen, sonst hätte man sich ein Problem aufgehalst. Eine solche Schutzhülle umgab mich, alle, die mich sahen, stierten mich stumm und wortlos an. Das genoß ich ungemein. In einem Hof, der an drei Seiten von Gebäuden eingefaßt war, zog ich mich aus. Erst meine Stiefel, dann die Hose, die Socken, alles sehr bedächtig, denn nach jedem Kleidungsstück legte ich eine Verschnaufpause ein.


Diese Zeichnung ist aus späterer Zeit. Wie gesagt, während meines Aufenthats im Irak rührte ich mein Skizzenbuch so wenig an wie meine Kamera. Das einzige was ich bewegte waren mein Hirn und meine Beine.

Es gab einen Steinsockel, auf dem ich meine Kleider ausbreitete. Als ich nurmehr die Unterhose anhatte, ging ich zu einem Wasserhahn inmitten des Hofs, steckte auf ihn einen Schlauch, der in der Nähe lag, und spritzte mich ab wie ein verdrecktes Auto, ging zu meinem Seesack, entnahm ihm gemächlich ein Handtuch, trocknete mich ab. Alles in rituellem Gleichmaß, ich empfand, nie wieder würde ich eine solch köstliche Gelegenheit und Kulisse haben. Meine Zuschauer waren die Sterne und einige Soldaten, die im Hof herumsaßen, rauchten, Tee schlürften, sitzend schliefen. Die spärliche Beleuchtung war das aus wenigen Fenstern und Türen fallende Licht. Zuerst ging ich an die Säuberung meiner Stiefel. Danach wusch ich meine Kleider und hängte sie über eine Schnur, die von einem Fensterkreuz bis zu einem Bäumchen gespannt war.

Alles hier im Hof hatte auf meine Vorstellung gewartet, es war die perfekte Inszenierung. Was mich im Gebäude erwartete, ob mich überhaupt etwas dort erwartete, interessierte mich fürs erste nicht. Ich kam von einem andern Stern und mußte mich wieder einfinden in den Gang des Alltäglichen. Zum Abschluß meiner Verwandlung zog ich mir trockne Klamotten an, suchte mir eine geeignete Stelle auf der steinernen Brüstung, schlüpfte in meinen entmilitarisierten Schlafsack, legte mir mein hübsches samtenes kleines rundes Kopfkissen ins Genick und fiel in den Schlaf der Gerechten.

Als ich wach wurde, zerlegte die Sonne den Horizont in orangene Streifen. Nun war ein andres Stück angesagt, mein Grenzübertritt. Sicherlich hatte es sich herumgesprochen, daß gestern nacht ein Außerirdischer aus dem Nichts aufgetaucht war, wenn kein Außerirdischer, so doch ein Ausländer, ein merkwürdiger Vogel, wie aus dem Schlamm gezogen. Wenn er nicht vom Himmel gefallen war, dann hatte er es geschafft, durch den Shatt al Arab zu waten. Ich gestehe, ich war mir meiner außerordentlichen Rolle bewußt.

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Kismet


Foto: Johannes Tosin Das Atomium im Minimundus

Du glaubst, du hast die Wahl,
aber du hast sie nicht.
Jede Flugbahn ist voraus berechnet,
die Parabel gezeichnet,
bevor das Gefährt in Umlauf gerät.

Du kannst im Gitter des Kristalls klettern,
es aber nicht verlassen.

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Das letzte Steindruckplakat

Eine Erinnerung

Basel 1960, nach den Herbstferien bekamen wir im achten, das war das letzte Schuljahr der Sekundarschule, einen Berufsberatungs-Fragebogen. Der wurde von uns Schülern ausgefüllt, später von einem Berufsberater ausgewertet. Unser Lehrer Guido Harder war ein außergewöhnlicher Mensch. Ihm war es wichtig, alle seine Schäfchen mit den besten Voraussetzungen ins harte Leben zu entlassen, wir bekamen alle ein gutes Abschlusszeugnis. Auch setzte er sich ein, bis wir alle eine Lehrstelle gefunden hatten.

Die Auswertung meines Fragebogens war Förster, und mit der Bemerkung, ich hätte den Fragebogen nicht ehrlich ausgefüllt. Insgeheim hatte ich gehofft, man würde mir als Berufswahl Bauer vorschlagen. Denn die letzten zwei Sommerferien verbrachte ich auf einem Bauernhof im Kanton Jura, seither spukte es in meinem Kopf, Bauer zu werden.

Dass es bei den Auswertungen der städtischen Berufsberatungs-Formulare keinen Bauern gibt, daran dachte ich nicht. Gerne Bauer werden zu wollen, konnte ich weder schriftlich zuhause noch mündlich beteuern. Jede Äußerung wäre auf taube Ohren gestoßen. Du bist nicht ganz dicht, hätte es geheißen.

Mein Bruder, vier Jahre älter als ich, arbeitete als Kartonager in einer großen Druckerei. Er schlug mir vor, ich solle doch Offsetdrucker lernen, das sei ein Beruf mit einer vielversprechenden Zukunft. Er verriet mir auch die bekannteste Druckerei Basels.

Am nächsten Tag ging ich nach Schulschluss direkt zu der Druckerei Wassermann und sagte: Ich suche eine Lehrstelle als Offsetdrucker. Die Antwort: Der Personalchef sei in Ferien, wenn ich meine Adresse dalasse, werde ich von ihm hören, sobald er zurück sei.

Etwa zehn Tage später kam eine Einladung für ein Vorstellungsgespräch mit dem Vermerk, ich solle einen Elternteil mitbringen und ein paar Zeichnungen. Meine Mutter weigerte sich, mich zu begleiten, mein Vater war bereit.


Foto: Kurt Meier. Eine Steindruck-Schnellpresse

Wir wurden von der Empfangsdame in ein riesiges Sitzungszimmer geführt. Dort erwartete uns der Personalchef, der uns nach der Begrüßung erklärte, alle Lehrstellen für den Offsetdruck seien vergeben. Eine Lehrstelle für den Beruf des Handlithographen könne er mir anbieten. Auf unsere Frage, was ein Handlithograph sei, kam die Antwort: Der muss gut zeichnen können, daher auch meine Bitte, Zeichnungen mitzubringen.

Als er uns den Lehrvertrag zuschob, baten wir um einige Tage Bedenkzeit.

Fortsetzung folgt.

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Morgenlandreise 21

Schlendernd durch die Straßen und am Tigris entlang hatte ich versucht, alle meine Möglichkeiten durchzuspielen. Es gab, so verrückt es schien, offenbar nur einen einzigen Grenzübergang, den mußte ich nehmen, was immer es mit den Schwierigkeiten aufsichhatte. Ich fragte die Männer nochmals, wie weit es zum Shatt al Arab sei, und ob ich zufuß gehen könne. Sie sagten, 25 km und schüttelten die Köpfe.

Mit einmal sprachen sie über mich, das konnte ich aus ihren Gebärden und Blicken herauslesen. Einer fragte mich, wieviel Geld ich denn hätte. Alles, was ich noch hatte in irakischer Währung legte ich auf den Tisch, auch eine Zehndollarnote, meine eiserne Reserve und kleinen Trumpf. Es war nicht allzuviel, obwohl ich am Morgen eine nicht unbeträchtliche Summe gewechselt hatte.

Plötzlich ging alles sehr schnell. Einer deutete auf den Himmel, um zu sagen, wir müssen uns beeilen, sonst wird es dunkel. Es war früher Nachmittag. Einer der Männer holte aus einer Seitenstraße einen Jeep. Alle stiegen ein, und ab ging’s Richtung Shatt al Arab. Zusehends verwandelte sich die Stadt in lehmige Landschaft, alles schien aus lehmigem Morast zu bestehen, die geduckten Häuser, die Mauern, die Gärten, die Büsche, die Palmen. Kinder, und so gut sie es konnten, auch Erwachsene, hüpften und hangelten sich über Lehmmauern, denen die Nässe so zugesetzt hatte, daß sie bald im Schlamm absinken würden. Einen Jungen sah ich seine Ziege auf einen solchen Mauersteg heben, damit sie, die im Schlamm unterzugehen drohte, dort oben weiterlaufen möge. Weit und breit war kein Fahrzeug unterwegs, das war unser Glück, denn Anhalten bedeutete Steckenbleiben.

Der Fahrer drehte das Lenkrad von links nach rechts, von rechts nach links, das Fahrzeug schlingerte in dem Morast in einer Wellenlinie wie ein Kahn in einem Wildbach. Dann saßen wir fest. Alle mußten wir, bis zu den Knien im Dreck steckend, den Wagen anschieben. Das wiederholte sich immer öfter, bis es nicht mehr ging, der Jeep steckte zu arg in einem Wasserloch. Mir war nicht klar, wer jetzt schlimmer dran war, ich, der ich zufuß weiterwaten mußte, oder meine Helfer und Retter, die mit ihrem Fahrzeug weder vor noch zurück konnten. Sie bedeuteten mir, geh, geh, immer geradeaus, kümmer dich nicht um uns, wir kriegen den Karren schon wieder flott, wenn nicht heute, dann morgen. Zum Abschied umarmten wir uns.

So kroch, humpelte, watete ich, ganz wie die Kinder und Tiere, lief über Stege, Mäuerchen, umgefallne Baumstämme, hangelte mich um Wasserlöcher herum. Oftmals mußte ich mich auf mein rechtes Knie stützen, um meinen linken Stiefel aus dem Morast zu zerren und umgekehrt. Hätte ich eine Möglichkeit gesehn, meine Stiefel auszuziehn um barfuß weiterzukommen, ich hätte nicht gezögert, denn meine Stiefel steckten voller Schmodder bis oben hin. Meinen Seesack hatte ich mir wie einen Rucksack auf den Rücken gebunden, beide Hände brauchte ich.

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Im Schlaf


Grafik: Friedel Kantaut

Heute nacht
hab ich gut geschlafen
und in der Akademie der Träumer
einen Kurs belegt.

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Johann Jakob Spreng: Deutsches Wörterbuch

Bevor ich auf J. J. Sprengs Wörterbuch zu sprechen komme, muß ich etwas zum Deutschen Wörterbuch der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sagen. Seit Jahren besitze und bewundre ich dieses Riesenwerk. Ich hatte es mir im stillen schon lange gewünscht, dachte aber nicht im Traum daran, es je zu besitzen. Bis meine Lebensgefährtin es mir schenkte, das heißt, nach und nach zu meinen Geburtstagen und anderen Festen anschleppte, immer jeweils 2 Bände. Das Werk hat ja nicht nur einen riesigen Umfang, in 33 Bänden stecken etwa 320 000 Stichwörter, es wiegt fast 2 Zentner.

An den Grimms bewunderte ich zudem ihr Eintreten für die allgemeine Kleinschreibung. Als Schüler kabbelte ich mich mit meinen Deutschlehrern, weil ich meine Aufsätze klein schreiben wollte. Und was einige Großschreibungen im Duden angeht, so hab ich sie des öfteren in der futura99phoenix verspottet. Nicht sprachbewußte Germanisten pflegen unsere Sprache, sondern ignorante dummdreiste Politiker setzen Regeln fest, die unsre Sprache verhunzen.

1854 erschien der 1. Band von Grimms Wörterbuch. Aber schon 100 Jahre vorher begann Johann Jakob Spreng das Mammutwerk seines Deutschen Glossariums, also seines Deutschen Wörterbuchs, nämlich um 1750. Er arbeitete daran bis zu seinem Tod in Basel 1768. Er muß Tag und Nacht wie ein Besessener daran geschrieben haben, darin den Brüdern Grimm nicht unähnlich. Aber im Gegensatz zu ihnen, die mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen hatten, stand über seinem Schaffen ein schwarzer Stern, ein Unglücksstern. Als Gelehrter, Professor, als Dichter hatte er zeitlebens eine starre Front der Ablehnung vor sich. Er ging niemals und bei niemandem auf faule Kompromisse ein. Hinzu kam seine Spottlust, die die Mächtigen in Politik und Gesellschaft gegen ihn aufbrachte. Das ist nicht nur heutigentags so, das war auch in früheren Zeiten tödlich. Tödlich im Sinne von übergangen, von kaltgestellt werden.


Einer der 20 Bände des Skripts von J. J. Sprengs Wörterbuch. Foto: RAZ/Moritz

So ist es nicht verwunderlich, wenn dieses großartige Werk im Keller der basler Universitätsbibliothek seit 250 Jahren vor sich hin moderte. Es umfaßt von A – Z nahezu 100 000 Einträge, mit Übersetzungen, Erläuterungen und Quellennachweisen, nebst 35 000 sorgfältig angelegten Zetteln, alles fertig zum Druck. Dazu kam es aber nie Dank der Ignoranz und Dummheit so vieler Menschen, die das Sagen haben.

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Morgenlandreise 20

Alleingelassen stand ich da und schaute in das Wartehäuschen. Dort saßen einige junge Männer und vertrieben sich die Zeit mit einem Brettspiel. SALAM sagte ich und setzte mich hinzu. Sie rückten sogar zurseite. Sie hatten bald heraus, daß ich Deutscher bin. Deutscher zu sein, ist in arabischen Ländern ein gewisser Vorteil. Sosehr wir im angelsächsischen Raum oft die Fieslinge spielen, im arabischen sind wir die Lieblinge der Welt.


Salam aleiküm!                                        Aleiküm salam!

Immer wieder mal ging ich zu dem Schild hin, um dahinterzukommen, ob ein Bus zum Shatt al Arab führe. So gut es gehen wollte, machte ich mich verständlich, ich wolle zum Shatt al Arab. Die Männer lachten. Sie konnten ein paar Brocken Englisch. Die reichten aus, um mir klarzumachen, es sei leichter auf den Mond zu kommen, als zum Shatt al Arab. Border to Iran, sagte ich. Wir freundeten uns an, sie versuchten, mir ihr Brettspiel zu erklären. Sie glaubten, ich sei ein verwegner Weltenbummler oder Archäologe oder so etwas Ähnliches. Mir gefiel die Vorstellung, ich könnte zwischen Euphrat und Tigris Ausgrabungen leiten. In diese Richtung gingen ihre Vermutungen, und ich bestärkte sie darin.

In meiner Ratlosigkeit und um ihnen nicht allzu lästig zu fallen, fiel mir nichts Besseres ein, als mich etwas in dem Viertel umzusehn. Ob es nicht doch eine Busverbindung zum Shatt al Arab gebe, wollte ich herausfinden. Sie boten sich an, auf mein Gepäck aufzupassen, sie würden noch Stunden in dem Häuschen verweilen, gaben sie mir zu verstehn.

Alles Geschäftliche im Orient ist für den Fremden mit dem Risiko verbunden, übers Ohr gehauen zu werden. Gewitzte setzen es voraus und handeln und feilschen hartnäckig. Bedenkenlos will ein Taxifahrer von einem ortsunkundigen Fremden das Vielfache, gleichfalls die Händler im Basar, auch die Übernachtungen kosteten astronomische Summen.

Aber von diesen jungen Männern im Wartehäuschen wußte ich mit Bestimmtheit, sie würden meinen Seesack nicht anrühren. Den Männern war das Häuschen ein gewisses Zuhause, und das teilten sie mit mir als ihrem Gast. Und der Gast (nicht der Fremde und Käufer) wird behandelt wie ein guter Freund.

Nach einer Weile Stadtbummel, in der ich hoffte, auf irgendein Zeichen zu stoßen, das mich aus meiner aussichtslosen Lage befreien könnte, setzte ich mich wieder zu ihnen. SALAM. Die Begrüßungsfloskel der Muslime rund um die Welt ist wohl: Salam aleiküm und die Antwort darauf Aleiküm salam. Darein hatte ich mich schon in der Türkei eingeübt.

Salam sagten sie zu mir wie zu ihresgleichen.

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Letzte Station


Foto: Friedel Kantaut

Das leere Bett
die Wand ohne Bilder
und ihre mutigen Gesichter
in die ich morgen blicken werde
so mutig zurücksehend
wie es mir eben möglich ist
in dieser heilen Welt
und ich werde ihnen sagen
wie es nicht ist
und Hoffnung ernten
und ich werde wissen
dass es sinnlos wäre
ihnen die Wahrheit zu sagen
die wir verkraften könnten
wenn wir Menschen wären
und ich werde ihnen sagen
dass alles gut wird
und sie werden nicken, sogar lächeln
vielleicht nur noch wenige Tage

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