Das Atelier oder Glücksmomente eines Künstlers 2

Ein Teil des Innenhofs wird vom Neonlicht in eine gespenstische Kulisse verwandelt: Achtlos abgestellte und wahllos aufeinander gelegte verrostete Heizgeräte, dazwischen kreuz und quer getürmte Wasserrohre.

Meine bewegliche Arbeitslampe richte ich auf den letzten Probedruck meiner letzten Lithografie. Ich habe sie mit Wäscheklammern aufgehängt an einer starken Schnur, die durch das ganze Atelier gespannt ist. Davor sitze ich nun auf einem kleinen hölzernen Drehhocker und betrachte ihn kritisch. Ich habe dem Blatt den Titel Oratorium gegeben. Auf meinen Oberschenkeln liegt ein Notizblock, darein schreibe ich ein paar Ideen wie diese Arbeit dem Thema entsprechend noch verbessert werden könnte.


Lithografie Oratorium

Bald machen wir uns auf den Heimweg. Bella freut sich riesig. Nach einem halbstündigen Fußmarsch sind wir zu Hause.

Schon ein paar Stunden später schlendere ich mit Bella wieder gemütlich Richtung Werkstatt. Wir fahren beide nicht gern mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Von der Wohnung bis zur Werkstatt brauchen wir jetzt morgens eine Stunde, da wir unterwegs einkehren für einen Kaffee mit Croissant. Erst dann rauche ich genüsslich meine erste Parisienne rund, eine Zigarette ohne Filter. Das Papier ist nicht geleimt, sondern hält durch eine Prägung zusammen. Der Tabakgeschmack bleibt rein wie bei einer selbstgedrehten. Seit Bella am Morgen kein Fressen mehr braucht, sie ist nun ausgewachsen, pflege ich dieses Ritual, auswärts zu frühstücken.

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Extrapost 7

Chemtrails über Freiburg? am 22. Oktober 2018

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Morgenlandreise 36

Diese Welt hier erlebe ich nicht so erhaben und abgefeimt wie die unsre. Alles ist irgendwie neu, so wie man es als Kind empfand. Aber als jemand in bitterer Armut gehst du hier drauf. Oder empfinde das nur ich so? Habe ich keine Ahnung, was jemand fühlt und lebt ohne Dach überm Kopf? Lebt er die Freiheit (und Schönheit?) eines Märchens? Hier stakse ich natürlich unwissend und neu herum, als Mitteleuropäer. Das allerdings erhöht mein Abenteuer.

Geschäftstüchtige Händler in Schiras hängen in die Bäume vor ihre Läden in runde geflochtne Bastkörbe gleichfalls allerlei lieblich singendes und trällerndes Vogelgetier.

Ein Gedicht für Schiras:

Die Nachtigallen sperren
sie in kleine hölzerne
Käfige.

Sie sagen: Dann singen
sie lieblicher.

Hört niemand
im Gesang der Vögel
die Frage: Wo ist die
Liebe?

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Luftströmungen


Foto: Friedel Kantaut

Den Winden bin ich ausgeliefert.
Ein Hochdruckgebiet hat mich erfasst
und mich davongetragen.

In ein Tiefdruckgebiet hinein.
Dort verstecke ich mich in den Wolken
und falle im Winter als Schnee.

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Das Atelier oder Glücksmomente eines Künstlers 1

Die Polizeistunde war schon lange überschritten als die letzten drei Gäste das Restaurant Balance verließen. Froh darüber endlich wieder draußen zu sein, sprang zuerst ein großer Hund aus der geöffneten Wirtshaustür.

Das Balance ist ein Restaurant am Barfüßerplatz in Basel, bekannt als Künstlertreff und Drogenumschlagplatz.

Im Gespräch blieben die Drei noch vor dem Restaurant stehen. Der Hund wartete ungeduldig. Mit einem Bella komm wir gehen, sowie mit einem dreistimmigen Guet Nacht entfernte sich jeder in eine andere Richtung. Zwei davon leicht schwankend, der Dritte mit eiligen Schritten, ein mittelgroßer, sehr magerer Mann. Die Brille mit kräftigem dunklen Gestell zeichnet markant sein Gesicht. Rauchend, und für die Zeit der kühlen Spätherbsttage zu leicht bekleidet. Mit freudigen Sprüngen begleitet vom Hund, einem großen muskulösen Bastardweibchen.


Bella: die Schöne

Nach kurzer Zeit in der Nähe des Münsters sind sie am Ziel angelangt, an einer weiten Einfahrt, die am Ende ein riesiges Tor begrenzt. Für diese edle Umgebung ein hässliches Tor, das vor ewiger Zeit mit einer undefinierbaren Farbe gestrichen wurde. Auf zwei Firmenschildern, die schwach von der Straßenbeleuchtung erhellt werden, steht geschrieben:

Leuthart & Co
Heizungen

Auf einem kleineren Schild steht:

Litho-Atelier
Konrad Bärenfels

Ich, ja, ich gebe es zu, bin Konrad Bärenfels, schließe also die kleine Tür, die im riesigen Tor eingelassen ist, auf und trete in einen mit Glas bedeckten Innenhof. Dahinter befindet sich meine Druckwerkstatt.

Langsam flackern mehrere Neonröhren zu einer kalten grellen Lichtflut auf. Ein eigenartiger unbekannter Geruch kommt aus der schweren, mit viel Glas besetzten Eisentüre. Eine Geruchsmischung der Druckfarben, von Terpentin, Maschinenöl und Walzenwaschmittel. Die Tür lasse ich offen, denn Bella ist lieber im Hof, so haben wir beide Sichtkontakt miteinander.

Fortsetzung folgt.

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Morgenlandreise 35

Zurück zu meiner Liebesgeschichte. Es gibt unter anderen zwei Möglichkeiten, sie enden zu lassen. Eine ist: er bricht die Treue. Dann schließt sich im Augenblick seines Treuebruchs der Ring um sein Glied fest und fester und entmannt ihn, ganz gleich, wo er den Ring inzwischen aufbewahrte. Der andre Schluß, bei ihrem Treuebruch: Die Haare des Rings verwandeln sich zurück in die Haare ihrer Scham, und sie wachsen so dicht und immer dichter, daß sie noch pinkeln kann, aber an dieser Stelle nichts mehr hineinkommt zu ihr, nicht mal ihr eigner Finger. Zuständig für solcherlei grausame Gerechtigkeit ist in persischen Märchen ein übersinnliches Wesen, der Dschinn oder die Dschinna.

Na, wie gefällt euch diese Geschichte? Ist sie nicht eine rechte Geschichte für den ersten Weihnachtstag?*


Mit Laurent Feller in Schiras

Ein junger Franzose (er studiert in Paris Geschichte), mit dem ich heute durch die Stadt gestreift bin, meinte unvermittelt, ich sähe aus wie Tamerlan. Er spielte auf meine Stiefel an. Ich war ziemlich baff.


Postkarte vom Innern eines Cafés in Schiras

Sprach mit Laurent übers Schreiben. Er sagte: Ein Mensch muß allein sein, damit er zu schreiben beginnt. So ist der erste Brief, das erste Gedicht entstanden. Es braucht ein inwendiges Alleinsein, um künstlerisch zu wirken. Ich erzählte ihm, wie sehr es mich unterhält, im Trubel des Reisens Gesehnes und Erlebtes in meinem Reisebuch festzuhalten. Wartend auf dem Boden hockend an Poststationen, oder in ruckelnden schlingernden Bussen, die einem kaum erlauben, vernünftig zu schreiben, hingegeben an einige Buchstaben, später kaum zu entziffern.


* Das klingt nun sehr grausam und ziemlich jenseits jeglichen Verstands. Aber in einem Märchen, und in ein solches hatte sich die Geschichte zwischen dem Buchhändler und mir wie von ungefähr entwickelt, geschehn die Dinge oft in nachtwandlerischem Selbstverständnis.

Die Magie des Märchens gestattet sich vieles, hatte der Buchhändler gesagt. Empfindsame Gemüter mögen das bedenken. Wie ich überhaupt um Nachsicht bitte bei einigen heiklen Stellen in den Texten, die sich um Sex und Liebe drehn.

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Na so was


Zeichnung: Rolf Hannes

Der Dichter sprach zur Dichterin:
Nur Schreiben habe ich im Sinn.
Da nahm die Dichterin den Speer.
Jetzt hat sie keinen Dichter mehr.

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Der Riß in unsrer Welt

Laßt uns mal über Sisyphos nachdenken. Er wurde bestraft, weil er den Tod fesselte und niemand mehr starb. Seine Strafe zeigt die Ironie der Götter, die dem Bestraften aufzeigen, wie es aussieht, wenn der Tod außer Gefecht ist.

Sisyphos revoltierte mit Eigensinn, indem er den Göttern entgegenhielt: Wieso Strafe? So wollte ich das doch! Dies nämlich ist die Glückseligkeit eines Wesens, das geborgen in einem immer Gleichen die Hoffnung gar nicht mehr braucht.

Was Sisyphos hier vom Tier unterscheidet ist nicht mehr die kantische Frage Was darf ich hoffen?, sondern die Frage nach der Fülle der Zeit, die Sisyphos nun im Überfluß hat, während der Stein den Berg allein hinabrollt.

Ein hochmodernes Problem in westlichen kapitalistischen Gesellschaften: Wie verbringe ich meine Freizeit in einer konsumtiven und durch zahlreiche Versicherungen gesicherten Welt? Hier springt einen die Frage nach dem Sinn an, die Camus* als absurde Frage erkannte.

Übermäßig versorgt mit Nachrichten aus aller Welt spüren wir, in unserer Konsumwelt ist Wesentliches oft nicht verfügbar. Zugleich enttarnt sich das Versprechen unseres Wirtschaftssystems.


Zeichnung: Rolf Hannes

Wenn wir uns heute politisch betätigen, dann entsteht eine bizarre Mischung aus Freizeitbewältigung und Sinnsuche. So sieht es dann aus: wenige Politprofis tagen in schicken Seminarräumen und Millionen Menschen harren draußen in der Kälte mit ihren hoffnungsfrohen Forderungen.

Die meist imaginären Versicherungen unseres Systems platzen zunehmend. Und damit stellen wir wieder die Frage nach dem Sinn des Ganzen. Um das Bild von Sisyphos noch einmal aufzunehmen: Der Stein rollt plötzlich an eine neue Stelle, die Sisyphos ganz unbekannt war. Jetzt spürt er einerseits Angst und andererseits wieder Hoffnung auf Erlösung von seiner Strafe. Ihm gerät wieder ins Bewusstsein, daß er bestraft wurde und der Tod frei ist.

Es kommt erneut zur Revolte (Umkehr: Er schlägt eine Volte)). Das was Sisyphos nun auf einmal wieder erlebt, das ist Spannung. Zuvor war er entspannt, nahezu glückselig in seiner inneren Ruhe und Entspanntheit. Daß das kein dauerhafter Zustand sein kann, wissen wir Menschen. Aber wer möchte im Zustand der Entspannung darüber nachdenken, ob dieser Zustand endet? Denn dieses Nachdenken selber beendet den Zustand.

Kritik am Kapitalismus ist daher nicht vorgesehen im Kapitalismus. Denn das wäre das Nachdenken, und damit würde der Sinn des Kapitalismus wie eine Blase platzen.


*Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos

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Morgenlandreise 34

Hab einen Ausflug nach Persepolis unternommen. Tausende Jahre nach Alexanders Zerstörung war ich überwältigt von der Schönheit und Unsterblichkeit dieses Orts. Über das riesige Gelände schlenderten nur wenige Besucher. Ich gab mich ganz der sinnlichen Wahrnehmung hin, ohne kunsthistorische Überlegungen, ohne Führer, ohne zusätzliche kunsthistorische Information. Stundenlang erwanderte ich mir dieses riesige Gelände mit der staunenden Einsicht, daß ein wahnsinniger Gernegroß bei aller Zerstörungswut nichts gegen die wahre Größe dieses Orts ausrichten konnte.


Säulenreste eines der von Alexander eingeäscherten Paläste

Tamerlan geht in mir um. Einfall zu der Perlengeschichte: Er bat ja seine Geliebte, ich werde sie Laura nennen, die Perle in sich zu behalten während ihres Liebesspiels. Sie lag in der Tiefe ihres Schoßes, sie fühlten sie in der Bewegung ihrer Körper, die Zärtlichkeit ihrer gemeinsamen Liebe floß in die Perle.

Der Druck ihrer Schenkel, seiner Lenden, die tausendfältigen Bewegungen ihres Beckens, seines Rückens, alles das nahm die Perle in sich auf. Er bat sie, so lange sie in sich zu behalten, bis sie von selbst herausquoll in ihrem Liebessaft. Dann fanden sie die Perle morgens in ihrem Lager, eine Frucht der Liebe. Diese Perlen waren das königliche Wunder der Kette, jede barg in sich das Geheimnis von Sonne und Mond.


Wandkacheln an der Fassade eines Palasts in Schiras

Nachtrag zum Auszupfen der Schamhaare. Im Mittelalter zupften sich viele Frauen nicht nur die Haare der Scham, auch die der Brauen und Augen und Achseln entfernten sie. In USA, las ich, ist eine neue Variante dieses Spiels aufgekommen. Die Ladies der Oberschicht organisieren ihre Gärtchen nach Symbolen und Zeichen. Das Herz ist beliebt, das Oval, das Ypsilon, die Raute.

In Italien, erzählte mir jemand in Florenz vor Jahren, verschickt eine schöngewachsne blonde Zwanzigjährige Fotos von ihrer glattrasierten Scham an ihre Fans. Die sind die Zuhörer einer Sendung, die ein privater Sender um Mitternacht ausstrahlt. Das Mädchen arbeitet mit einem Mikrofon in Form eines Phallus, das es wie einen Dildo handhabt. Was hörbar wird über Radiowellen bringt einige Tausend Männer und Frauen in Italien aus dem Häuschen. Zwischendurch singt sie internationale Schnulzen. Als ich einen moralischen Einwand vorbrachte, erklärte der Gewährsmann: Wie auch immer, die Zwanzigjährige ist ein Beweis für weibliche Souveränität und Emanzipation.

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hoffnung für linkshänder


Grafik: Friedel Kantaut

ein tiefes beben,
feuer,
blitze in häuserschluchten,
automobile hupen um vergebung,
gebäude kalben eisberge…
ich entkomme in das schwarze herz des morgens……

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